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Autor Thema: Tschingis Aitmatow – Dshamilja  (Gelesen 1715 mal)

Aldawen

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Tschingis Aitmatow – Dshamilja
« am: 03. Dezember 2007, 00:50:54 »



Inhalt: In Kirgisistan 1943. Viele Männer sind im Krieg, die Frauen und Jugendlichen müssen die gesamte Last der landwirtschaftlichen Arbeit übernehmen. Das Leben ist noch geprägt von Sitten und Vorstellungen der nicht lange zurückliegenden Nomadenzeit. Danijar, ein junger Kriegsversehrter, der Erzähler Seït und dessen Schwägerin Dshamilja bekommen den Auftrag, Kornsäcke zur Bahnstation zu fahren, um die Truppen zu unterstützen. Dshamiljas Mann liegt irgendwo im Lazarett, in seinen Briefen gedenkt er immer nur im letzten Satz seiner Frau. So bleibt es vielleicht nicht aus, daß Dshamilja und Danijar sich ineinander verlieben und schließlich gemeinsam das Dorf verlassen.


Meine Meinung: Eine unaufdringliche Liebesgeschichte, die – v. a. angesichts der Kürze der Erzählung – lange zur „Entstehung“ braucht. Für mich war auch diese (angehende) Liebesgeschichte zwischen Dshamilja und Danijar gar nicht das Entscheidende, daher stehe ich Louis Aragons Bewertung als „schönste Liebesgeschichte der Welt“ auch etwas zwiespältig gegenüber. Viel interessanter fand ich den Blick in eine – so heute auch nicht mehr existierende – Gesellschaft im Umbruch. Aitmatow hat es wunderbar verstanden, mit nur wenig Aufwand Bilder von der kirgisischen Landschaft, den Menschen und ihrem Tun heraufzubeschwören. Und auch wenn ich nicht sagen kann, daß der Geschichte etwas Wesentliches gefehlt hat, denn sie ist in sich sehr stimmig und stilistisch schön, so wäre es mir doch an manchen Stellen lieber gewesen, noch mehr über die Menschen zu erfahren. Andererseits wäre es dann ein sehr viel anderes Buch geworden, und es hätte vermutlich einiges von dem Zauber, den es jetzt verströmt, verloren.

 4ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

Schönen Gruß,
Aldawen

Tippfehler im Titel eliminiert. LG, Valentine
« Letzte Änderung: 13. April 2011, 13:54:54 von Valentine »
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Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika

Austen

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Re: Tschingis Aitmatow – Dschamilja
« Antwort #1 am: 03. Dezember 2007, 09:11:58 »

Ich habe Dschamilja gerade erst für unseren Lesekreis gelesen und es hat mir ausnehmend gut gefallen: ein Buch über das Leben, über die Liebe, über zu sich Finden. Einfach sehr berührend, sehr gut fand ich auch Ezählperspektive aus der Sicht eines Dritten.
Und du hast recht, es hat etwas gedauert, bis sich die Geschichte entwickelt hat, doch dann hat sie mich sehr angesprochen. Eine Kunst, mit gar nicht so vielen Worten so viel auszudrücken.
Von mir bekommt Dschamilja die Höchstnote im Lesekreis!
liebe Grüße und allen einen schönen Wochenanfang!
Austen
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Weratundrina

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Re: Tschingis Aitmatow – Dschamilja
« Antwort #2 am: 03. Dezember 2007, 09:16:53 »

Hach ja, da wird mir bei der Erinnerung ganz warm ums Herz.

Ich fand die Liebesgeschichte auch nicht unbedingt so im Fordergrund stehend, hab aber direkt Landschaftsbilder und Menschen vor Augen.

Mir hat es sehr gut gefallen und ich war hin und her gerissen, ob ich mir wünschen sollte, dass es noch ewige Seiten so weiter geht oder ob es nicht doch perfekt in der Kürze war. Sprachlich auf jeden Fall ein Genuß!

 4ratten

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Viele Grüsse,
Weratundrina

Pan

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Re: Tschingis Aitmatow – Dschamilja
« Antwort #3 am: 03. Dezember 2007, 17:46:40 »

Ich mag Dshamilja auch sehr, habe es vor einigen Jahren das erste Mal gelesen und danach - was bei mir recht selten vorkommt - später noch zwei weitere Male. Die Geschichte ist ganz bezaubernd, und der Erzähler hat mir besonders gefallen. Die für mich eigentliche Liebesgeschichte ist auch nicht Danijars, sondern die des Erzählers.
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Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. - Franz Kafka

mombour

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Re: Tschingis Aitmatow – Dschamilja
« Antwort #4 am: 05. Dezember 2008, 17:45:49 »

Hallo,

Wenn Louis Aragon von der schönsten Liebeserklärung der Welt spricht, spreche ich lieber von einer odenhaften Liebeserklärung an die kirgisische Heimat. Die Liebe eröffnet sich hier wirklich in den schönsten Gesang, den ein Mensch vollbringen kann. Wenn Danijar von der Liebe singt, ist er nicht nur von Dshamilja beseelt, sondern findet ebenso Einklang mit der Natur, mit der Weite Kirgisiens. Noch nie ist so schön gesungen worden.

Liebe Grüße
mombour
« Letzte Änderung: 05. Dezember 2008, 18:12:23 von mombour »
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Breña

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Re: Tschingis Aitmatow – Dschamilja
« Antwort #5 am: 13. April 2011, 11:49:36 »

Auch ich habe mich von dieser kurzen Erzählung von Aitmatow verzaubern lassen, allerdings habe ich sie weniger als Liebesgeschichte zwischen Dshamilja und Danijar gelesen. Viel eher war sie für mich eine Liebeserklärung Aitmatows an die kirgisische Landschaft und sein Volk. Die Beziehung der beiden Liebenden, die sich sehr zurückhaltend entwickelt, ist eingebettet in Beschreibungen des Alltags, den der Autor souverän in meinem Kopf zum Leben erweckt hat, obwohl mir diese Gesellschaft absolut fremd ist. Durch geschickt eingestreute Details und plakativ, aber nicht platt wirkende Nebenfiguren schafft Aitmatow auf wenigen Seiten ein stimmungsvolles Bild.

Dazu kommt ein scharfer Blick auf die gesellschaftlichen Umbrüche und die Auswirkungen des Krieges, die auch in diesem abgelegenen Landstrich zu spüren sind. Die Bewohner des Dorfes stecken zwischen den Traditionen des Nomadenlebens und den Anforderungen des sozialistischen Kollektivs. Auch diese Zerrissenheit wird an Details deutlich: einerseits wird im Sommer die traditionelle Jurte im Hof aufgebaut, andererseits wird Danijar, der nicht ständig im Dorf gelebt hat, misstrauisch als Vagabundierender beäugt.

4ratten

Viele Grüße
Breña
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"Natürlich kann man sein ohne zu lesen, ohne Bücher, aber ich nicht, ich nicht."  J. L. Borges