Hallo ihr beiden,
von mir steht immer noch ein Kommentar zu den letzten Seiten aus, die ich zwar schon vor ein paar Tagen gelesen habe, aber zum Posten hats einfach nicht gereicht. Daher jetzt noch schnell, bevor das Wochenende vorbei ist.
Dieser Gang von Anna zur Kirche, um die Glocken zu läuten, kam mir vor wie eine verhinderte Hochzeit. Naja, sie schreitet da mit Clemens an ihrer Seite durchs ganze Dorf und geht mit ihm in die Kirche, läutet die Glocken... und erlebt mit ihm gemeinsam eine weitere durchaus erotisch angehauchte Marienvision - das soll dann wohl der Ersatz für die Hochzeitsnacht sein?
Sehr schön fand ich damals und heute die Erklärung zu Annas beiden Persönlichkeiten, die sich durch ihr Gelübde entwickelt haben; zum einen die reine, unbefleckte und gottbefohlene Anna, zum anderen die leidenschaftliche Frau, deren Gesicht sich nur Clemens offenbart, niemandem sonst. Nur er hat einen Zugang zu der Frau hinter dem Gelübde.
Wie schon erwähnt, hat Clemens`Brief fatale Folgen - Anna wird ein weiteres Mal auf ihre Glaubwürdigkeit überprüft. Beim ersten Lesen hat diese Entwicklung bei mir sehr viel Unbehagen ausgelöst, diesmal konnte ich mich entspannt zurücklehnen, denn ich wusste ja, dass Anna nichts Schlimmes passiert und sie die Sache in den Griff bekommt.
Wesentlich schlechter geht es da Clemens, der erst einmal mit einem schweren Fieber zu kämpfen hat, bevor er sich weiter mit Anna beschäftigen kann. Warum er krank wird, das hat sich mir auch nicht erschlossen; offenbar hat er die Krankheitserreger ja schon mitgebracht und durch den Ausflug in den zugigen Kirchturm wurde das Fieber ausgelöst. Vielleicht wurden seine vorangegangenen Visionen und Träume schon durch das Fieber ausgelöst, was ja durchaus möglich ist.
Da ich das Ende schon kannte und nicht mit einer eindeutigen Erklärung oder Auflösung der Geheimnisse um Anna und Clemens rechnete, war ich natürlich auch nicht enttäuscht; im Gegenteil, mir hat das Buch beim zweiten Mal lesen um einiges besser gefallen und ich hab es ganz anders gelesen als beim ersten Mal. Für mich ist der Roman ganz eindeutig eine Liebesgeschichte, in der die Protagonisten sich aufgrund ihrer irdischen Fesseln auf eine andere Ebene begeben müssen, um ihre Liebe auszuleben.
Den Film habe ich damals gesehen und ich fand die Bilder wunderbar passend zum Roman. Im Film ist aber manches ein wenig anders dargestellt; Brentano ist viel zahmer als im Buch und seine Beziehung zu seiner Schwester Bettina von Arnim wird thematisiert, genau wie sein Verzicht auf seine weltlichen Güter. Auch die Politik rückt mehr in den Vordergrund, wogegen die Erotik im Film deutlich reduziert ist. Mir hat er sehr gut gefallen und ich fand die Adaption sehr gelungen.
So, nun hoffe ich, dass mein Buchtipp für euch keine allzu große Enttäuschung war, sondern dass ihr ein interessantes und ausgefallenes Leseerlebnis hattet und den Autor Kai Meyer ein wenig kennengelernt habt. Allerdings muss ich auch sagen, dass keines seiner anderen Bücher so ist wie Das Gelübde. Es gibt ja bei ihm die Fantasy-Schiene, die vor allem in Trilogien angelegt ist (Merle-, Wolkenvolk-, Sturmkönige-Trilogie, um nur ein paar zu nennen). Dann gibt es die historischen Romane, die mal mehr, mal weniger düster sind und allesamt einen gewissen Anteil an Phantastik enthalten. Hier kann ich Herrin der Lüge empfehlen, aber auch Loreley und Das Buch von Eden sollen recht gut sein. Einen erstklassigen Mystery-Thriller hat er mit Das Haus des Daedalus /Die Vatikanverschwörung vorgelegt. Ihr seht, ein vielseitiger Autor, bei dem es noch ganz viel zu entdecken gibt.
Vielleicht klappts ja wieder mal mit einer Leserunde mit uns dreien, muss ja nicht Kai Meyer sein.

Ich würde mich jedenfalls sehr freuen.
Viele liebe Grüße
Miramis