

Dieses Buch bietet so viel Diskussionsstoff, dass es gar nicht möglich ist, hier in Kürze alles anzusprechen. Hier also nur ein kleiner Ausschnitt meiner Meinung:
Was soll ich sagen? Ich habe dieses Buch vor zehn Minuten beendet und bin total geflasht. Ich schwebe zwischen Trauer (dass ich viele liebgewonnene Figuren jetzt verlassen muss), Freude (über ein gelungenes und emotionales Leseerlebnis) und ein kleines bisschen Stolz (dass ich ein so dickes Buch geschafft habe).
TrauerWie gesagt, mir werden die ganzen Charaktere noch eine Weile fehlen. Für meine Verhätlnisse habe ich sehr viel Zeit mit ihnen und ihrer Geschichte verbracht und jetzt von ihnen Abschied zu nehmen, fällt mir schwer.
Die ganze Atmosphäre rund um die Handlung hat mich gefangen genommen. Tolstoi vermochte seinen Figuren durch seine vielen, kleinen Beschreibungen Leben einzuhauchen und sie aus verschiedenen Blickwinkeln heraus dem leser zugänglich zu machen. Keine der Personen ist in seinem Handlen und Denken perfekt, trotzdem hat jeder etwas Nettes oder zumindest Positives an sich. So gibt es auch keine Figur, von der ich sagen könnte, dass ich sie total verabscheue, denn letztendlich handeln alle aus ihrem Innersten heraus und nicht aus Bösartigkeit.
Ljewin und Kittys Geschichte hat mich dabei sogar noch mehr berührt als Anna und Wronskijs. An einigen Stellen musste ich mir glatt eine Träne verdrücken, ich weiß jetzt schon, dass ich beim Film heulend dasitzen werde. Als Kitty erkennt, dass sie den "Falschen" abgewiesen hat, Ljewins und Kittys Versöhnung und ihr gemeinsames Leben danach mit all ihren Höhen und Tiefen ... ganu großes Kino! Besonders sympathisch finde ich dabei Ljewins Erkenntnis, dass auch eine Heirat aus Liebe nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen mit sich bringt. Auch die Geburtsszene ist zu köstlich, man sieht Ljewin richtig vor sich, wie er aufgeregt hin- und herflattert.

Aber auch die Liebesgeschichte rund um Anna und Wronskij hat mich mitgerissen. Die Beschreibungen ihrer entflammten Liebe und der unaufhaltsame gesellschaftliche Abstieg Annas bis hin zum Scheitern ihrer Beziehung haben mich immer wieder den Atem anhalten lassen. Ich finde es wunderbar, wie Tolstoi sich in die Gedanken der Personen einfühlen kann und diese beschreibt. Einziger Kritikpunkt: Warum hat Anna sich nicht vor ihrer Reise nach Italien scheiden lassen? Damit wäre so viel Leid verhindert worden!
Allgemein finde ich aber, dass die Charaktere aus ihrer Situation und ihrem Stand heraus recht schlüssig gehandelt haben, was mir wirklich sehr gut gefallen hat.
FreudeIm Nachhinein (und auch Zwischendurch) habe ich mir oft überlegt: "Das Buch hat 1200 Seiten ... da muss man doch irgendetwas weglassen können!" Aber ehrlich gesagt, fällt mir nichts ein, das man weglassen könnte. Gut, einiges an politischen und wirtschaftlichen Diskussionen hätte man vielleicht kürzen können, allerdings ist das eine rein persönliche Meinung. Ich kenne mich mit dem Zaren-Russland überhaupt nicht aus und fand deshalb keinerlei (oder nur sehr geringen) Zugang zu diesen Diskussionen. Aber ansonsten finde ich sämtliche Ereignisse wichtig und auch unterhaltsam, so dass ich mich sehr selten gelangweilt habe.
Überhaupt war dieses Buch ein besonderes Leseereignis. Ich freute mich mit den Figuren, litt mit ihnen und hoffte ständig auf ein gutes Ende (obwohl ich schon vorher wusste, wie es ausgeht). Ein bisschen nervig fand ich Annas Eifersuchtsanfälle zum Ende hin, allerdings kann ich sie auch teilweise verstehen. Sie fühlt sich sehr, sehr einsam und der Mann, für den sie all ihr Leid in Kauf nahm, kümmert sich recht wenig um sie. Dazu noch das Morphium und die Trennung von ihrem Sohn ... da verliert man schon mal die Nerven.
Erstaunlich fand ich übrigens, dass ein Mann zu Tolstois Zeiten sich mit dem Denken und Fühlen einer Frau beschäftigt und das meiner Meinung nach auch gut gelingt.
StolzJa, ich bin tatsächlich ein kleines bisschen stolz darauf, dass ich ein so dickes und gewichtiges Buch gelesen habe. Hätte ich schon vorher gewusst, wie viel Freude es mir bereiten würde, hätte ich es schon viel früher gelesen. Aber gut, dass denke ich mir bei vielen Büchern.

Insgesamt ein Buch, dass jetzt nicht nur als "gelesen" abgestempelt wird, sondern bestimmt für längere Zeit in meinem Herzen und meinen Gedanken verweilen wird.