Hilfe, ich traue mich ja kaum, meine Rezension hier einzustellen, bei so vielen positiven Meinungen. Aber da es ein SLW-Buch ist, bleibt mir keine Wahl als das kleine Miesmacherchen zu spielen, ich fand dieses Buch nämlich schrecklich.

Ich habe vor einigen Jahren Hosseinis „Der Drachenläufer“ gelesen, das mir damals sehr gefallen hat. Leider ist es zu lange her, um zu sagen, ob ich es heute auch noch mögen würde oder um es in Beziehung zu „Tausend strahlende Sonnen“ zu setzen.
Eigentlich lese ich ungern Romane über Frauenschicksale, weil sie sich so oft in Sensationslust, Kitsch und Klischee ergehen. Aber Hosseini, der mir als literarischer Autor im Gedächtnis geblieben ist, dachte ich, wird das Thema sicher differenzierter und tiefgehender anpacken. Oder?
Es gibt zwei positive Dinge, die ich vorweg sagen kann. Zum einen, dass der Roman mich, wie schon der Drachenläufer, dazu angeregt hat, mich mit den historischen Hintergründen zu befassen, denn da hatte und habe ich definitiv große Wissenslücken. Ich kann nicht sagen, dass ich immer mochte, wie Politik und Geschichte in die Erzählung integriert wurde. Teils werden sie ungelenk eingestreut und unterscheiden sich im Ton her sehr vom Rest, was seltsame Brüche erzeugt. Aber ich schätze es, dass diese Hintergründe da sind und sich durch das ganze Buch ziehen.
Die zweite Sache, und mir erscheint das langsam als das traurigste, was man über ein Buch sagen kann, weil es das ist, was man sagt, wenn einem eigentlich nicht viel Positives zu einem Buch einfällt: Es ließ sich flott und flüssig weglesen. Unterhaltsam erzählen kann Hosseini nämlich. Er landet nicht umsonst allerorts auf den Bestsellerlisten.
Der Rest des Buches hat mir Anfangs nur leises Stirnrunzeln, später Kopfschmerzen und gegen Ende nur noch unterdrücktes Zähneknirschen beschert. Hätte man so eine Geschichte noch konstruierter, klischeehafter und vorhersehbarer erzählen können?
Viele der verwendeten Handlungsmuster könnte man auch in einem handelsüblichen Groschenroman antreffen und sie sind so abgegriffen, dass man ohne Probleme die Folge von Schicksalsschlägen bis zum unerträglich verkitschten Ende vorhersagen kann. Die ganze Geschichte um Lailas Jugendliebe, um nur ein Beispiel zu nennen, hätte abgedroschener nicht verlaufen können.
Auch die nicht besonders raffinierte Konstruktion des Plots trägt nicht dazu bei, den Roman weniger plump zu machen. Will man vorführen, wie schlimm die medizinischen Zustände für Frauen unter den Taliban sind, lässt man sie praktischerweise ein Kind in Steißlage haben, so dass man zu einer Kaiserschnittszene ohne Betäubung kommt, etc.
Die weiblichen Figuren sind interessant angelegt, bleiben aber eindimensional. Sie sind meist Opfer, die ihre einzige Stärke aus ihrem Mutterinstinkt ziehen. Als wäre das alles, was eine Frau bewegt. Für mich zeigt sich ein Defizit des Autors, entweder nicht tief genug in die Psyche seiner weiblichen Figuren eindringen zu wollen, oder es schlicht nicht zu können.
Das eigentliche Potential der Geschichte hätte im Verhältnis dieser beiden Frauen gelegen, wofür sie natürlich komplexer hätten sein müssen. So konstruiert sie der Autor unter erneuter Nutzung abgedroschener Handlungselemente von Fremden zu Feinden zu Verbündeten.
Emotionen, die beim Leser geweckt werden, entwickeln sich selten aus dem Innenleben dieser Figuren heraus, sondern werden durch häufig eingestreute Gewaltszenen erregt, die in ihrem gezielten Einsatz schon fast plump wirken. Wer bleibt schon kalt dabei, wenn einer Frau mit der Gürtelschnalle ins Gesicht gedroschen wird?
Ich weiß, dass Frauen in diesen Regionen schlimme Dinge erleiden mussten und müssen. Teilweise schlimmere Dinge, als in diesem Buch zu lesen sind. Und gerade deshalb hätte ich mir ein sensibles Buch gewünscht, dass ohne Effekthascherei und die üblichen Klischees auskommt. „Tausend strahlende Sonnen“ ist meilenweit davon entfernt. Es ist ein Roman, der um jedem Preis beeindrucken will und letztlich dadurch seine Sensibilität verliert. Als Leser mag man vielleicht von der geschilderten Grausamkeit und von den durch geschicktes Erzählen herbeigeführten Schockmomenten berührt sein, aber bei mir bleibt da ein bitterer Beigeschmack. Letztlich manipuliert es seinen Leser zur Ergriffenheit, indem es ihm schlimme Dinge vorsetzt. Aber nicht, indem es tief in komplexe Figuren eindringt oder eine ungewöhnliche Geschichte erzählt.
Dieses Buch ist viel zu glattpoliert und kalkuliert auf ein Massenpublikum getrimmt, um sich wesentlich von dem zu unterscheiden, was von den Kritikern so gerne Trivialliteratur geschimpft wird.
Manchmal gibt es solche Bücher, die so viele Menschen großartig finden, dass man ein wenig an sich zu zweifeln beginnt. Aber auch nach längerem Überlegen kann ich diesem Buch nicht mehr abgewinnen, eher im Gegenteil, es wird immer schlechter, je mehr ich darüber nachdenke. Deshalb lasse ich es hiermit bewenden und vergebe:
