Fast 200 Seiten hat es gedauert, bis mir bei der Lektüre dieses Verwirrspiels aus Literatur und Verbrechen aufgefallen ist, dass ich das Buch vor Jahren schon einmal gelesen haben muss. Dies ist allerdings sicher kein Indiz dafür, dass dieses Buch nicht (be)merkenswert wäre - eher schon ein Zeichen meines schlechten Gedächtnisses. Ganz im Gegenteil, obwohl mir doch einiges bekannt vorkam, hat es mich doch auch beim Reread vollends gefesselt.
Für Bücher, die andere Bücher und Buchliebhaber zum Thema haben, kann ich mich ohnehin begeistern. Und so war dieser Thriller um den Bücherjäger Lucas Corso, der im Auftrag Anderer biliophile Schätze aller Art “auftreibt”, ein gefundenes Lektürefressen. Den Leser erwartet eine gelungene Mischung aus Krimi, Thriller, Mystery, Verschwörungstheorie und Actionreißer, das Ganze verpackt in eine intelligente und vielschichtige Handlung.
Gleich zwei Geschichten rund um geheimnisvolle Manuskripte werden hier verwoben. Zum Einen soll Corso im Auftrag des Antiquars La Ponte ein Original-Manuskripts von Alexandre Dumas aus den “Drei Musketieren” auf seine Echtheit überprüfen - eine Aufgabe, die sich als schwieriger erweist als sie zunächst zu sein scheint. Immerhin wird der Vorbesitzer des Manuskripts kurz nach dem Verkauf tot aufgefunden.
Viel brisanter ist aber der zweite Auftrag, den Corso zu erfüllen hat. Der reiche Literaturmagnat Varo Borja hat ein Exemplar der “Neun Pforten ins Reich der Schatten” in seinem Besitz - ein Buch, das mit Hilfe der darin enthaltenen dämonischen Holzschnitte die Beschwörung des Teufels ermöglichen soll. Gemeinsam mit seinem Urheber wurden allerdings bis auf drei Exemplare alle Ausgaben der okkulten Schrift auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Corso soll nun für Borja die Bestätigung beschaffen, dass sein Buch keine Fälschung ist.
Schnell merkt Corso, dass er seine Suche nicht alleine unternimmt. Ziemlich zwielichtige Gestalten kreuzen immer wieder seinen Weg, und spätestens als er nur um Haaresbreite einem Anschlag auf sein Leben entkommt, ist er sicher, dass sein Verfolgungswahn berechtigt ist. Und obwohl seine Verfolger originalgetreue Verkörperungen von Dumas-Romanfiguren zu sein scheinen, weiß er lange Zeit nicht (ebenso wenig wie der Leser), hinter was diese denn nun eigentlich her sind: Dem Dumas-Manuskript oder den “Neun Pforten”? Ständig an seiner Seite ist unter anderem ein geheimnisvolles junges Mädchen. Während sie ihm zu Beginn scheinbar zufällig immer wieder über den Weg läuft, schließt sie sich Corso später ganz offen und sogar gegen seinen Willen an, um ihn bei seiner Suche zu unterstützen. Unklar bleibt nur ihre Rolle in der ganzen Geschichte: Ist sie nun eine (ausgesprochen charmante) Verkörperung des Teufels selbst, oder doch eher Corsos Schutzengel?
Auf den ersten 50 Seiten ist das Buch zunächst ziemlich langatmig; es dauert halt seine Zeit, bis die Protagonisten der beiden Handlungsstränge, ihre Vorgeschichten und die Hintergründe der beiden Bücher, um die sich alles dreht, vorgestellt sind. Nebenbei erfährt man auch noch eine Menge Wissenswertes über die Kunst des Buchdrucks, die Inquisition und den Schriftsteller Alexandre Dumas. Wenn die Handlung dann allerdings erst mal Fahrt aufnimmt, tut sie das mit viel Schwung - mit jeder Spur, die Corso aufnimmt, steigt die Spannung und wird auch durch die diversen Verfolgungsjagden, Morde und Mordversuche und andere Actionsszenen nicht abgebremst. Dennoch zielt der Stil nicht so sehr auf pure Action oder gar Grusel ab und ähnelt von daher weniger einem “echten” Thriller. Vielmehr steht das Enträtseln einer über weite Strecken sehr verwirrenden, ineinander verschachtelten Intrige im Vordergrund - an der sich der Leser z.B. über das Enträtseln der enthaltenen Bilderrätsel beteiligen kann, aber nicht muss.
Für meine Begriffe großartig gelungen sind auch die Charaktere des Romans. Besonders Lucas Corso ist mir mit seiner kaltblütigen, gefühlsarmen und hochintelligenten Art wirklich ans Herz gewachsen - vielleicht weil ich auch eine Vorliebe für die ähnlich gestrickten Ermittler in klassischen Hardboiled-Krimis habe. Er ist wahrhaftig kein Gutmensch oder Charmebolzen, aber dafür authentisch und glaubwürdig - und er trifft auf ebensolche Typen, bei den Bösen ebenso wie bei den Guten. Gerade das gekonnte Verwirrspiel um die Identität mancher Figuren führt den Leser auf so manche falsche Spur. Vor allem in den Charakterzeichnungen der verschiedenen Bibliomanen, denen Corso im Laufe seiner Recherchen begegnet, finden sich jede Menge schräge Typen, die bereit sind, (fast) jeden Preis für ein paar bedruckte Seiten zu bezahlen - bis hin zum eigenen Leben oder dem Leben anderer.
Die eine große Schwäche des Romans ist leider, wie so oft, der Schluss. Während die Dumas-Geschichte noch halbwegs zufriedenstellend aufgeklärt wird, bleibt von der Geschichte um die “Neun Pforten” leider nicht viel übrig, was nicht abgeschmackt und aufgesetzt wirkt. Man bekommt das Gefühl, dass Perez-Reverte sich in seiner eigenen Fantasie verheddert hat und den Knoten der eigenen verwickelten Handlungsstränge nur noch mit Hilfe eines - leider ziemlich plumpen - Schwertstreichs hat auflösen können. Schade, dass ein solch spannender Parforceritt so armselig enden muss.
Allerdings stimmt dieses Ende auch nicht mit dem Film zum Buch überein, “Die neun Pforten” von Roman Polanski und mit Johnny Depp als Lucas Corso. Aber dieser nimmt ohnehin nur einen Handlungsstrang aus dem Buch auf und lässt damit sehr viel an Nuancen links liegen, die zum Verständnis der Handlung eigentlich notwendig wären. Film und Buch sind damit - wieder mal - nicht wirklich vergleichbar, und man sollte auf keinen Fall eins am anderen messen.

