Dorian Gray ist ein junger, reicher und mit außerordentlicher Schönheit gesegneter Mann, der soziale Kontakte pflegt und eine anerkannte Persönlichkeit der Gesellschaft ist. Für den Maler Basil Hallward ist er eine Inspiration, für Lord Henry Wotton ein Forschungsobjekt. Lord Henry beschäftigt sich mit philosophischen Fragen zu menschlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen und ist schnell begeistert von Dorians Schönheit und Unschuldigkeit. Zunächst nur unterschwellig, mit der Zeit jedoch immer deutlicher, beeinflusst er Dorian in seinem Denken und seiner Einstellung zu Schönheit bzw. Ästhetik. Die Folgen dieser Beeinflussung scheinen zunächst harmlos zu sein, steigern sich jedoch immer weiter und führen schließlich zu unerwarteten und brutalen Handlungen.
Mir fällt es ziemlich schwer, meine Gedanken zu diesem Buch zusammenzufassen. Grundsätzlich bin ich absolut beeindruckt und auch sehr begeistert. Die Beschreibungen des charakterlichen Verfalls Dorians sind sehr anschaulich, sowohl aus philosophischer als auch aus psychologischer Sicht interessant und gleichermaßen abstoßend und faszinierend.
Besonders spannend ist für mich die Macht, die Henry über Dorian – vielleicht zum Teil auch unbewusst – ausübt. Der Wunsch nach ewiger Schönheit verfestigt sich immer mehr, was aber vermutlich auch mit der ständigen Betonung derselben zusammenhängt. Dorian scheint von allen Leuten nur über sein Äußeres definiert zu werden und vor diesem Hintergrund erscheint seine Manie rückwirkend betrachtet relativ verständlich.
Seine Versessenheit äußert sich auf mehreren Ebenen, am deutlichsten jedoch anhand des Portaits, welches Basil von ihm gemalt hat und was sich an seiner Stelle mit der Zeit verändert, die Züge des Alters und des verdorbenen Charakters Dorians widerspiegelt.
Die Veränderungen, die Dorian durchläuft steigern sich bis zu einem traurigen Ende, welches zunächst Basils und schließlich auch seinen eigenen Tod beinhaltet. Die Brutalität mit der Dorian dabei vorgeht, ist erschreckend und absolut unerwartet.
Natürlich wird seine Entwicklung permanent beschrieben, so dass sie für den Leser nachvollziehbar ist, aber es gibt im Verlauf des Buches mehrere Zeitsprünge, die zum Teil mehrere Jahre umfassen. Dies bietet den großen Vorteil, dass die Handlung sich nicht in elendig langen Beschreibungen unwichtiger Sachverhalte verliert und sorgt außerdem dafür, dass die Spannung aufrecht erhalten bleibt. Es ist immer wieder überraschend, welche Veränderungen während des Zeitsprungs mit Dorian geschehen sind, so dass unter anderem auch das Ende sehr überraschend ist.
Lediglich eine einzige Passage, nämlich fast das gesamte 11. Kapitel, weist Längen auf, die das Lesen kurzzeitig recht zäh gestalten, allerdings handelt es sich dabei in meinen Augen um den einzigen und somit verschmerzbaren Kritikpunkt.
Hinsichtlich der Charaktere bleibt abschließend festzuhalten, dass sich meine persönlichen Sympathien im Laufe des Buches einmal umgekehrt haben. Fand ich Henry anfangs noch furchtbar arrogant und Dorian liebenswert, hat sich dies bis zum Ende verändert. Einzig Basil war immer gleichermaßen sympathisch und bemitleidenswert.
Insgesamt empfehle ich das Buch in jedem Fall. Allerdings habe ich es bis etwa zur Hälfte als relativ schwierig zu lesen empfunden und selten mehr als zwei Kapitel am Stück geschafft. Es gibt einfach zu viele interessante Aspekte, über die man während des Lesens ins Grübeln gerät und die zumindest bei mir nach Lesepausen verlangt haben. Dies hat sich jedoch insgesamt durchaus positiv auf meine Meinung zu dem Buch ausgewirkt. Selten habe ich während des Lesens so viel über das Geschehen nachdenken müssen.
Es wird mit Sicherheit nicht das letzte Mal sein, dass ich dieses Buch gelesen habe. Ich denke, dass mit jedem Lesen andere interessante Aspekte in den Vordergrund rücken und das Buch durchaus noch viele Überraschungen bereithält.
Meine Wertung:

+
