Immer noch schön: Die Ausführlichkeit. Stephenson beschreibt alle möglichen Situationen sehr detailliert, aber durch seinen Stil wird es nie langatmig. Ich hoffe, dass mir das bei Seite 1000 auch noch so vorkommt
.
Da bin ich ziemlich zuversichtlich. Ich glaube, dass Leute, die mit Stephenson nichts anfangen können, nach spätestens 200 Seiten aufgeben.
Was mich ein wenig nervt (aber nicht nur bei Cryptonomicon, sondern generell), ist der Einstieg in neue Ereignisse. Da werden wie selbstverständlich neue Namen und Personen in den Ablauf integriert, deren Wichtigkeit man sich erst "erlesen" muss.
Ich mag das eigentlich auch nicht. Da steht man nachher so orientierungslos da und weiss nicht, ob der/die für die Story wirklich noch wichtig wird. Die grosse Anzahl Personen und die verschachtelte Handlung haben mich nach dem ersten Lesen eingermassen verwirrt zurückgelassen. Mir gings da wie Horrendus: Ich fand das Buch verrückt und genial und wusste nicht so recht, ob das jetzt wirklich gut war, was ich da grade gelesen hatte. Beim zweiten Lesen wusste ich, dass es gut ist und der dritte Umgang bestärkt mich in dieser Meinung.
Ich bin erstaunt, wie viel Andeutungen da und dort zu finden sind über Geschehnisse oder Personen, die erst viel später wieder vorkommen.
Wer oder was wohl die Bolobolos sind? Hört sich an wie eine Schimpansen-Art.
Ich glaube, die hat Stephenson erfunden. Ich habe mal gegoogelt und nichts Schlaues dazu gefunden... Wahrscheinlich wollte er sich nicht mit realen philippinischen Mafiagangs anlegen und hat drum selber eine solche Gruppierung kreiert.

Und was hat es mit dieser Echsengeschichte auf sich, die Bobby auf Guadalcanal widerfahren ist? Ich habe den Verdacht, dass ich sie völlig falsch interpretiere und mir etwas ganz scheußliches darunter vorstelle.
Nein, die ist in der Tat scheusslich, da kommt dann später auch noch eine genauere Beschreibung. Ich schreibe in einem Spoiler noch was dazu, da ich nicht weiss, ob du da jetzt schon mehr dazu wissen willst. Einen wesentlichen Einfluss auf die Story hat sie jedoch nicht.
Spoiler zur EchsengeschichteDie Story hat den kleinen Haken, dass nicht klar wird, ob Shaftoe sie wirklich gesehen hat oder ob sie nur eine Halluzination ist. Das wird - wenn ich mich recht erinnere - nie abschliessend geklärt, da Shaftoe der einzige Mensch ist, der das Vieh gesehen haben will. Die Echsengeschichte, die ihn ja bis in die Träume verfolgt, steht wohl symbolisch für Kriegstraumata aller Art, die eben auch so hartgesottene Kerle wie einen Bobby Shaftoe heimsuchen können.
Von Enoch Root konnte ich mir noch kein großartiges Bild machen, dazu hatte er bisher zu wenig Auftritte. Aber ich werde ihm meine Aufmerksamkeit widmen.
An Enoch Root fasziniert mich seine Präsenz in den Momenten, in denen ein Held Hilfe oder Rat braucht (das heisst aber nicht, dass er jedesmal auftaucht, wenn es ein Problem gibt). Andere Leser haben schon darüber spekuliert, dass Root eine Art Alter ego von Stephenson ist, eine Art Stilmittel, um Protagonisten und Geschichte weiterzubringen. Root ist mit seinem umfassenden Wissen und seinen Fertigkeiten eine Art Oberhirte, der ohne grosses Aufhebens dafür sorgt, dass alles seinen vorhergesehene Gang geht, indem er da und dort einen (mehr oder weniger) sanften Stups in die richtige Richtung gibt.
Natürlich hätte auch jemand anderes Shaftoe auf Guadalcanal retten können, aber es ist halt Enoch Root, der irgendwo in der Pampa sitzt, als hätte er auf Shaftoe gewartet.
Root und seine Geschichte bleiben undurchsichtig, das Seltsamste an ihm ist aber, dass er auch in der Barock-Trilogie vorkommt, die rund 250 Jahre vor Cryptonomicon spielt. Er hat dort dieselbe Rolle wie in Cryptonomicon, Geistlicher ist er allerdings nicht. Eher Alchimist und Forscher, was die Vermutung nahe legt, dass er den Stein der Weisen gefunden hat und unsterblich ist

Aber das ist alles Spekulation, Stephenson hat sich meines Wissens nie genauer zu Enoch Root geäussert, was wieder darauf hindeutet, dass er tatsächlich "nur" ein Stilmittel ist - wenn auch ein höchst ungewöhnliches

Ich bin übrigens auf Seite 183, habe heute aber eine Menge Zeit zum Lesen. Ich kann zwar nicht behaupten, ich sei gespannt, wie es weitergeht, aber ich kann mich trotzdem kaum vom Buch losreissen

Alfa Romea