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Autor Thema: [Sudan] Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung  (Gelesen 3001 mal)

Saltanah

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #15 am: 03. September 2007, 23:51:31 »

Ich habe heute auch das 6. Kapitel gelesen und muss sagen, dass mir das Buch immer besser gefällt. Es ist um einiges vielschichtiger und differenzierter, als ich es erwartet hatte.

Es fehlt in überraschendem Ausmaß an wirklich "Guten" und "Bösen". Wad Rayyes steht zwar an erster Stelle für den Part des Romanbösewichts, aber wie Nikki schrieb, war gerade er es, der sich gegen die Beschneidung der Frauen aussprach. Das bildet immerhin ein gewisses Gegengewicht zu seinem "sie muss mich als Ehegatte akzeptieren, ob sie nun will oder nicht".
Hier drängte sich mir übrigens der Vergleich mit Mustafa Sa'ids beharrlicher Verfolgung von Jean auf. Auch er kann es einfach nicht akzeptieren, dass eine Frau zu ihm "nein" sagt.

Nikki fragt, wieso Husna ausgerechnet Wad Rayyes nicht ablehnen darf? Ich denke, dass es weder ihrem Vater noch ihren Brüdern noch dem Rest des Dorfes darum geht, dass sie ausgerechnet ihn nimmt. Auch er will sie ja schon seit 2 Jahren (sagt Mahjoub) zur Frau haben, aber Husna hatte ihn abgelehnt, was wohl anfangs auch von der Gemeinschaft akzeptiert worden war, ebenso wie ihre Ablehnung anderer Bewerber. Aber nach nunmehr 3 Jahren geht ihnen allen die Geduld aus. Es wird ihrer Meinung nach Zeit, dass Husna wieder den einer Frau zustehenden Platz, nämlich den an der Seite eines Mannes (oder besser unter einem Mann), einnimmt. Eine über sich selbst verfügende junge Frau ist ein Unding, das auf Dauer nicht geduldet werden kann. (Das ist übrigens mMn auch der Grund für die 8 Männer der Bint Majzoub. Erst als alte Frau ist es ihr gestattet, Witwe zu bleiben.) Ein Indiz dafür, dass es weniger um Wad Rayyes als zukünftigen Ehemann geht, als um einen Mann überhaupt, nehme ich Mahjoubs Vorschlag, der Ich-Erzähler möge Husna doch als Zweitfrau nehmen.
Meine Hoffnung, dass die Haltung des Erzählers stellvertretend für die der jüngeren Generation stehen könnte, starb leider an dieser Stelle. Mahjoub, der ein wirklich "guter" Kerl zu sein scheint, scheint es zwar etwas zu bedauern, dass Husna zu etwas gezwungen wird, das sie nicht will, steht aber trotzdem auf der Seite der Tradition. "Die Frau gehört dem Mann", so war es und so ist es auch weiterhin, trotz leichter oberflächlicher Veränderungen. Tragisch.

Noch tragischer erscheint mir diese Szene, wenn ich bedenke, dass der Roman 30 Jahre nach Erscheinung im Sudan verboten wurde. So viel zum Fortschritt. :sauer: Danke für diese Information, Aldawen. Ich habe das Nachwort meiner schwedischen Ausgabe noch nicht gelesen, hoffe aber, dass dies auch dort eraähnt wird.

Mustafa als "Eroberer". *Seufz*. Was soll ich davon halten? Einerseits finde ich die Vorstellung schön; der Spieß wird umgedreht und der Eroberte fällt in das Land der Invasoren ein. Ausgleichende Gerechtigkeit also. Andererseits ist es so typisch, dass gerade Frauen die Hauptopfer seines Rachefeldzuges werden. Auch dies kommt mir sehr bekannt vor - ich (im Moment gerade mal männlich) räche mich an einem Mann, indem ich seine Frau vergewaltige. Die Frau selbst ist nur das Hilfsmittel für meine Rache. Ich erniedrige meinen Gegner, indem ich mich an seinem Eigentum vergreife - auch Soldaten im Feindesland haben seit jeher diese Taktik gewählt. Tja.

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Aldawen

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #16 am: 04. September 2007, 23:33:50 »

In Kapitel 7 und 8 geht's ja richtig rund, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Die Beschreibung der Fahrt durch die Wüste fand ich sehr beeindruckend, ich habe mitgeschwitzt und gedürstet unter dieser glühenden Sonne. Und ich hatte den Eindruck, daß auch mein Gehirn beim Lesen langsamer wurde :zwinker: Leider konnte ich mit den eingestreuten Zitaten aus der arabischen Literatur nichts anfangen, aber ich notiere mir auf jeden Fall mal die Namen, vielleicht kann man da irgendwie in Übersetzung drankommen. Als der Erzähler und sein Fahrer das Polizeifahrzeug treffen und von deren Aufgabe hören, dachte ich erst: „Wie, jetzt schon? So lange ist der Erzähler doch noch nicht aus dem Dorf weg?“ Aber es ging dann ja wohl um ein ganz anderes Dorf. Und immer wieder kehren die Gedanken des Erzählers zu Mustafa Saîd zurück. Weitere Bruchstücke aus der Gerichtsverhandlung und aus dem nächtlichen Gespräch werden uns offenbar, so auch, daß Mrs Robinson noch lebt und der Erzähler Kontakt zu ihr aufnehmen will. Sehr schön auch, wie quasi aus dem Nichts die nächtliche Feier in der Wüste entsteht. Dergleichen ist wahrscheinlich nur in einer so extremen Landschaft möglich, die den Menschen vieles abverlangt. Da muß einfach jede Gelegenheit zum guten Leben und zur Freude ausgenutzt werden. Hier in Deutschland kann ich mir so etwas nicht vorstellen :breitgrins:

Nur einen guten Monat später ist der Erzähler wieder in seinem Dorf zurück, viel schneller als gewöhnlich. Machdschûb hat ihm ein Telegramm geschickt, weil etwas Dramatisches im Dorf passiert ist. Machdschûb will zwar nicht darüber reden, aber daß zumindest Husna tot ist, wird sehr schnell deutlich. Niemand will aber dem Erzähler die genauen Umstände berichten. Husna wurde von ihrem Vater doch zur Ehe mit ar-Rajjis gezwungen, obwohl sie ihn ausdrücklich darum bat, den Erzähler zu ihrem Ehemann zu machen. Das ist zunächst alles was wir erfahren. Etwas Whisky hilft dann aber bei Bint Madschsûb, was mich nicht gewundert hat. Husna hat – wie angekündigt – zunächst ar-Rajjis und dann sich selbst erstochen. Die Beschreibung fand ich schon einigermaßen eklig. Und niemand im Dorf versteht ihre Beweggründe. Alle halten sie für durchgedreht – bis auf den Erzähler, den ja auch keiner mehr richtig versteht. Nicht einmal Machdschûb war ihr eine Hilfe (da nutzt es auch nichts, daß er versucht hat, ar-Rajjis und den Vater von ihren Plänen bzgl. Husna abzubringen), denn auch er hat sie abgewiesen, als sie ihn bat, den Erzähler zu verständigen. Damit hat Machdschûb sich mitschuldig an der Tragödie gemacht (auch wenn er keinen Fehler seinerseits sieht) und löst bei dem Erzähler einen Blackout aus. Zwar ist am Ende dieses Kapitels nicht klar, ob der Erzähler seinen besten Freund wirklich erwürgt hat, aber mit Blick auf das erste Kapitel, wo er von diesem schon in der Vergangenheit sprach, nehme ich das an. Hier wird der Unterschied zwischen den traditionell ausgerichteten Dorfbewohnern und dem doch europäisch geprägten Erzähler besonders deutlich. Für die Dorfbewohner ist das Geschehen eine Strafe Gottes, des Erzählers Großvater nennt es gar „die Heimsuchungen am Ende der Zeit“. Genau, eine Frau hat eben keine eigene Meinung zu haben, sondern sich still unterzuordnen. Und wo kämen wir überhaupt hin, wenn sich irgendetwas in Hunderten von Jahren änderte :grmpf: Ich kann Husna schon verstehen.

Nikki fragt, wieso Husna ausgerechnet Wad Rayyes nicht ablehnen darf? Ich denke, dass es weder ihrem Vater noch ihren Brüdern noch dem Rest des Dorfes darum geht, dass sie ausgerechnet ihn nimmt. Auch er will sie ja schon seit 2 Jahren (sagt Mahjoub) zur Frau haben, aber Husna hatte ihn abgelehnt, was wohl anfangs auch von der Gemeinschaft akzeptiert worden war, ebenso wie ihre Ablehnung anderer Bewerber. Aber nach nunmehr 3 Jahren geht ihnen allen die Geduld aus. Es wird ihrer Meinung nach Zeit, dass Husna wieder den einer Frau zustehenden Platz, nämlich den an der Seite eines Mannes (oder besser unter einem Mann), einnimmt. Eine über sich selbst verfügende junge Frau ist ein Unding, das auf Dauer nicht geduldet werden kann. (Das ist übrigens mMn auch der Grund für die 8 Männer der Bint Majzoub. Erst als alte Frau ist es ihr gestattet, Witwe zu bleiben.) Ein Indiz dafür, dass es weniger um Wad Rayyes als zukünftigen Ehemann geht, als um einen Mann überhaupt, nehme ich Mahjoubs Vorschlag, der Ich-Erzähler möge Husna doch als Zweitfrau nehmen.

Ja, so habe ich das auch empfunden. Es ging wohl wirklich nicht um die Ehe mit genau diesem, sondern irgendeinem Mann, was das Ganze aber noch entwürdigender macht.

Mustafa als Rächer? Ja, möglicherweise spielt das auch eine Rolle, da habt Ihr wahrscheinlich recht. Aber ich glaube nicht, daß das der einzige Grund ist. Vielleicht ist „Rache“ auch nicht ganz das richtige Wort in diesem Zusammenhang. Könnte es nicht viel mehr um ein Überlegenheitsgefühl gehen? Auch das paßte gut zu der Wahl von Frauen als Opfer, würde aber auch seinen akademischen Ehrgeiz erklären.

Insgesamt muß ich Saltanah bei der bisherigen Bewertung des Romans recht geben:

Ich habe heute auch das 6. Kapitel gelesen und muss sagen, dass mir das Buch immer besser gefällt. Es ist um einiges vielschichtiger und differenzierter, als ich es erwartet hatte.

Es fehlt in überraschendem Ausmaß an wirklich "Guten" und "Bösen".

Das wird immer deutlicher. Jeder, aber wirklich jeder in dieser Geschichte hat helle und dunkle Momente. Innerhalb ihrer jeweiligen Sozialisation handeln sie auch alle glaubwürdig und das macht die Entwicklung so besonders tragisch. Ich habe bislang nicht den Eindruck, daß irgendetwas grundsätzlich anders hätte verlaufen können, höchstens in Nuancen. Ich denke, dieses Buch wird mich auch nach dem Zuklappen am Ende, was wahrscheinlich morgen der Fall sein wird, noch einige Zeit beschäftigen.

Schönen Gruß,
Aldawen
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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #17 am: 05. September 2007, 18:08:17 »

So, ich bin durch und im Moment zugegebenermaßen ein bißchen ratlos. Das Kapitel 9 bringt endlich die Aufklärung, was sich in diesem geheimnisvollen Raum unter dem Giebeldach hinter der Metalltür verbirgt und die Überraschung war durchaus gelungen. Es gibt weitere Puzzleteile aus Mustafa Saîds Leben, auch die Aufklärung seiner Ehe und des Mordes. Das war schon ziemlich harter Tobak. Die Abhängigkeit war aber wohl beidseitig, nur das keiner von beiden charakterstark genug war, die Beziehung auf eine vernünftige Basis zu stellen. So was soll's ja geben. Trotzdem fehlt mir, wie dem Erzähler auch, der Zusammenhang zwischen den Schnipseln, daher unterstelle ich Salich hier Absicht. Vielleicht steckt hinter der Zeitung und den Notizen gar nichts? Oder soll Saîd so indifferent bleiben? Und wenn ja: warum? Was bezweckt Salich damit? :confused:

Wenigstens gibt der Erzähler noch zu, daß Husna die einzige Frau sei, die er je geliebt habe, weshalb er selbst den toten Mustafa Saîd noch als Widersacher bezeichnet. So weit, so gut. Und was haltet Ihr von dem Ende in Kapitel 10? Ist es der Versuch, sich aus dem Leben und der Verantwortung zu stehlen, bevor er dann endlich einmal bewußt eine Entscheidung trifft? Ich schätze diese Entscheidung sehr, weil sie für den Erzähler sicher der schwierigere Weg ist, der ihm mehr abverlangt, deshalb bekommt er meinen Respekt. Aber wie er zu dieser Wahl gelangt, das entzieht sich meinem Verständnis. Mußte es der Nil sein wegen Mustafas Abgang?

Grübelnde Grüße,
Aldawen
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Saltanah

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #18 am: 06. September 2007, 13:43:34 »

7. Kap.:
Die Beschreibung der sengenden Sonne war wirklich grandios. Überhaupt liebe ich extreme Naturschilderungen, ob es sich nun um ewiges Eis oder Sandwüste handelt. Hier wird auch deutlich, wieso die jüdisch/christlich/islamische Hölle heiß ist. "The day here is [...] a mere Torment. [...] Night is deliverance." Und auch die Beschreibung der Nacht, in der die Menschen aufatmen können, die Lebensgeister wieder erwachen, ist sehr gut gelungen. Das spontane Fest am Wegesrand hat mich in eine so positive, hoffnungsvolle Stimmung versetzt, hat mich so eingelullt, dass das

8. Kapitel
dann als umso schlimmerer Schock kam. Durch Salihs Hinhaltetaktik wirkt das Kapitel noch stärker. Was kann nur geschehen sein, wenn alle darüber schweigen? Die schlimmsten Vermutungen müssen übertroffen worden sein. Und so war es dann auch.
Aber vorher kommt noch ein kleiner Exkurs über die heuchlerischen, raffgierigen, bestechlichen Politiker, der mir sehr gut erklärt, wieso das Buch im Sudan verboten wurde. 10 Jahre nach der Unabhängigkeit, von der sich die Sudanesen vermutlich eine große Verbesserung ihrer Lebensumstände erwarteten (im Buch hieß es an einer Stelle, der Armut würde dann ein Ende gemacht), stellt der Erzähler enttäuscht fest, dass seine Landsmänner genauso ausbeuterisch veranlagt sind wie die Engländer. "Die Menschen sind überall gleich", sagt er ja am Anfang des Buches, als er über die Briten befragt wird, und hier bestätigt sich das in der anderen Richtung auch.
Schließlich erfährt er dann von Bint Majzoub, was wirklich vorgefallen war. Ich weiß nicht, was das Schlimmste an der Schilderung war. Die abgebissene Brustwarze, die mir durchaus Alpträume verursachen könnte, die Tatsache, dass die Dorfbewohner Husnas Schreie mit dem Hinweis, sie solle sich "doch nicht so anstellen", ignoriert haben (Wad Rayyes tat doch nur, worauf er ein gutes, gesetzliches Recht hatte), oder die völlig einseitige Schuldzuschreibung für Husna, die getan hat, was eine Frau absolut nicht tun darf, und wofür es überhaupt keinen erkennbaren Anlass gab. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich unter der Oberfläche auch bei einigen Dorfbewohnern Zweifel rühren, ein schlechtes Gewissen sich vielleicht zu erkennen gibt, das aber schleunigst unterdrückt werden muss. Das Unter-den-Teppich-kehren der ganzen Angelegenheit deutet doch stark darauf hin, dass niemand genauer darüber nachdenken will, was eigentlich geschehen ist, was die Ursachen waren. Offiziell wird so Husna zur "Bösen" erklärt, die durch ihr unangemessenes Verhalten die Ruhe des Dorfes gestört hat.
Noch schlimmer als das alles ist für mich aber die Reaktion von Wad Rayyes alter Frau, die auf die Information hin, ihr Mann wäre umgebracht worden, auf englisch nur "Good riddance" (auf schwedisch "Schön, ihn los zu sein") antwortet, und am nächsten Tag jubelt, Husna segnet und sagt, Rayyes habe sich sein eigenes Grab gegraben. Schon wahr, aber was muss diese Frau durchgemacht haben, um auf diese schockierende, untraditionelle Art und Weise zu reagieren. Da tut sich ein Abgrund an Entsetzlichkeiten auf!

Ich frage mich allerdings, was Husna zu ihrem "extremen" Handeln gebracht hat, wie sie es auch nur in Erwägung ziehen konnte, so undenkbar zu handeln. Wann und wie hat sie einen anderen Blick auf ihr Leben bekommen? Der Erzähler war für 7 Jahre im Ausland, sie aber hat ihr gesamtes Leben im Dorf verbracht. Hat Mustafa sie "erzogen", sie auf neue Gedanken gebracht, ihr Alternativen aufgezeigt? Hoffentlich erfahren wir mehr darüber.

Glaubst du wirklich, Aldawen, der Erzähler hätte Mahjoub umgebracht? Auf den Gedanken war ich gar nicht gekommen, ich war davon ausgegengen, jemand anders hätte rechtzeitig eingegriffen. Aber denkbar ist es schon.
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Aldawen

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #19 am: 06. September 2007, 14:35:36 »

Noch schlimmer als das alles ist für mich aber die Reaktion von Wad Rayyes alter Frau, die auf die Information hin, ihr Mann wäre umgebracht worden, auf englisch nur "Good riddance" (auf schwedisch "Schön, ihn los zu sein") antwortet, und am nächsten Tag jubelt, Husna segnet und sagt, Rayyes habe sich sein eigenes Grab gegraben. Schon wahr, aber was muss diese Frau durchgemacht haben, um auf diese schockierende, untraditionelle Art und Weise zu reagieren. Da tut sich ein Abgrund an Entsetzlichkeiten auf!

Ja, das habe ich allerdings auch gedacht, als ich ihre Reaktion las. In der deutschen Übersetzung ruft sie übrigens, so aus dem Schlaf gerissen. „Ach, zum Teufel!“ aus. Ihr Problem wird sicher weniger die Vielzahl an Heiraten ihres Mannes gewesen sein, sondern der Grund für ihre Reaktion dürfte eher in seinem sonstigen Verhalten ihr gegenüber liegen. Und das wirft auf den, sich zwar gegen FGM aussprechenden, aber ansonsten doch machomäßigen ar-Rajjid kein gutes Licht.

Glaubst du wirklich, Aldawen, der Erzähler hätte Mahjoub umgebracht? Auf den Gedanken war ich gar nicht gekommen, ich war davon ausgegengen, jemand anders hätte rechtzeitig eingegriffen. Aber denkbar ist es schon.

Ich vermute es einfach nur wegen der Szene ganz am Anfang nach seiner Rückkehr ins Dorf. Machdschûb fragte ihn da, ob es in Europa auch Landwirte gäbe und der Erzähler geht in Gedanken die vielen anderen Parallelen durch. Und dann hieß es: „All das habe ich Machdschûb nicht gesagt; hätte ich es doch getan, er war gescheit genug. In meinem Dünkel fürchtete ich, er würde es nicht verstehen.“ Daß Machdschûb also zum Zeitpunkt des Erzählens nicht mehr anwesend war, war damit klar. Es klang für mich auch nach einem lange mit sich herumgetragenen Selbstvorwurf, den ich mir nicht erklären konnte, und deshalb ich hatte schon spekuliert, ob Machdschûb wohl einfach weggegangen oder tot sei. Nach dieser Szene am Ende von Kapitel 8 bin ich mir sicher, daß Machdschûb tot ist und zwar – wenngleich ungewollt – durch die Hand des Erzählers.

Schönen Gruß,
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Aldawen

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #20 am: 06. September 2007, 20:11:17 »

Seit gestern abend habe ich mir das Buch noch durch den Kopf gehen lassen und versuche mich mal an einem Fazit, das ich aber ausdrücklich als vorläufig deklarieren möchte, weil dieser Roman sicher noch eine Weile nachwirken wird.

Wir haben in dieser Leserunde keine Spoilermarkierungen gesetzt, ich halte das aber in diesem Fall auch nicht für problematisch, da die Kenntnis all dessen vor dem Lesen den Reiz der Erzählung eigentlich nicht mindern kann. Wer aber trotzdem lieber die ein oder andere kleinere Überraschung erleben möchte, sollte sich von den übrigen Postings zunächst fernhalten :zwinker:

Salichs Roman hat mich sehr beeindruckt. Obwohl es sich um ein relativ schmales Bändchen handelt, ist es von einer ungeheuren Tiefe und Vielschichtigkeit. Als zentrales Thema muß wohl die Frage nach Identität und Identifikation gesehen werden. Dabei macht es sich Salich aber nicht so leicht, daß er Orient gegen Okzident oder auch männliche und weibliche Rollenzuschreibungen einfach gegeneinander ausspielt. Insbesondere der erste Gegensatz läßt sich aus der Geschichte meiner Meinung nach nicht herauskonstruieren, auch wenn er angesichts von sudanesischen Heimkehrern aus der europäisch und akademisch geprägten Welt naheliegend wäre. Vielmehr gelingt es Salich, die unterschiedlichen Werte und Moralvorstellungen einerseits miteinander zu verflechten und ineinander zu spiegeln und andererseits in den Personen Mustafa Saîd und dem Erzähler auch zu brechen. Der Umgang dieser beiden mit den daraus resultierenden Identifikationsproblemen und die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, unterscheiden sich aber erheblich voneinander, so daß letztlich nicht nur einfach eine Tragödie übrigbleibt, sondern auch ein Hoffnungsschimmer.

Salichs Sprache unterstützt dieses Anliegen sehr gut. Die „europäischen“ Teile kommen in einer sehr klaren und präzisen Formulierung daher, sehr direkt und passend zu einer rational ausgerichteten Welt. Dagegen verströmen die „sudanesischen“ Abschnitte eine gewisse Unbestimmtheit, eine Trägheit, die dem dahinfließenden Nil und der sonnenglühenden Umwelt angemessen ist. Alles in allem war dieses Buch für mich ein echtes Leseerlebnis, das ich sicherlich noch einmal wiederholen werde und das Salich auf meine Liste favorisierter Autoren katapultiert.

 5ratten

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #21 am: 14. September 2007, 13:19:31 »

Huhu, Saltanah und nikki  :winken:

Da ich ein furchtbar neugieriger Mensch bin, wüßte ich doch gerne noch, wie Euer abschließendes Urteil über dieses Buch ausfällt. Damit durch seid doch wohl schon (von Saltanah weiß ich's ja sogar :zwinker:) ...

Schönen Gruß,
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nikki

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #22 am: 14. September 2007, 14:26:05 »

Hallo Aldawen!

Ich habe das Buch auch schon gelesen. Nur leider fand ich in den letzten Tagen keine Ruhe, meine Gedanken niederzuschreiben. Ab heute habe ich Urlaub  :klatschen: und wollte das Wochenende u.a. dazu nutzen, meinen abschließenden Kommentar zu schreiben. Ich hoffe, Du kannst Dich bis Montag gedulden  :smile: Übers Wochende bin ich offline.

Und was haltet Ihr von dem Ende in Kapitel 10? Ist es der Versuch, sich aus dem Leben und der Verantwortung zu stehlen, bevor er dann endlich einmal bewußt eine Entscheidung trifft? Ich schätze diese Entscheidung sehr, weil sie für den Erzähler sicher der schwierigere Weg ist, der ihm mehr abverlangt, deshalb bekommt er meinen Respekt. Aber wie er zu dieser Wahl gelangt, das entzieht sich meinem Verständnis. Mußte es der Nil sein wegen Mustafas Abgang?

Der Nil zieht sich durch die ganze Erzählung durch und hat sicher eine zentrale Stelle im Leben der Menschen. Der Fluss ist gleichzeitig der Lebensspender und Zerstörer. Auch der Ich-Erzähler spürt das. Bis zum Schluss war mir nicht klar, ob er sich umbringen wird oder nicht. Dann trifft er eine Entscheidung: "All my life I had not chosen, had not decided. Now I am making a decision. I choose life. I shall live because there are a few people I want to stay with for the longest possible time and because I have duties to discharge. It is not my concer whether or not life has meaning." Es gibt Menschen, soziale Bindungen, die ihm etwas bedeuten und für die möchte er am Leben bleiben. Daraufhin ruft er um Hilfe. Aber hat er überlebt? Keine Ahnung.

Wie gesagt, am Montag kommt mein Fazit. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass es ein wirklich tolles Buch ist.

Liebe Grüße
nikki

edit: Tippfehler ausgebessert
« Letzte Änderung: 14. September 2007, 14:33:19 von nikki »
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Saltanah

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #23 am: 15. September 2007, 09:50:43 »

So, endlich bin ich mal wieder einigermaßen wach. Die gesamte Woche war ich ständig todmüde und fühlte mich nicht imstande, einen Kommentar zu schreiben, der etwas mehr Nachdenken erfordert.

Das 9. Kap. hat es mir nicht einfach gemacht. Mustafas Verhältnis zu den verschiedenen Frauen und vor allem seiner Gattin kann ich so gar nicht nachvollziehen. Was bringt Menschen dazu, eine so zerstörerische Beziehung einzugehen? Ich weiß es nicht.
Der geheime Raum Mustafas gibt meiner Meinung nach auch Antwort auf die Frage, was an Mustafas Leben denn eine Lüge sei: sein Leben als "einfacher Bauer" am Nil. Er ist eben kein durchschnittlicher Sudanese wie die anderen Dorfbewohner, sondern hat ganz andere Erfahrungen gemacht. Sein Versuch, diese zu ignorieren, ist ihm missglückt. Zu viel hielt er sich - wie seine Frau dem Erzähler berichtete - in diesem Raum auf, zu sehr beschäftigte ihn seine Vergangenheit (er murmelte (im Schlaf?) den Namen seiner englischen Frau).
Diesen geheimen Raum könnte man, wie eigentlich das meiste in diesem Roman, auch symbolisch deuten, als Bild verdrängter Anteile in Mustafas Persönlichkeit.

Wieso der Erzähler ausgerechnet im Nil zu einer Entscheidung kommt, fragt Aldawen.
Ich finde das sehr passend, ganz abgesehen davon, dass Mustafa im Nil verschwunden ist. Der Nil zieht sich ja, wie Nikki auch schrieb, durch das gesamte Buch. Das kommt nicht von ungefähr: gerade im Wüstenkapitel wird deutlich, wie wichtig der Nil für den gesamten Sudan ist. Er spendet (und nimmt manchmal auch) Leben, macht dieses erst wirklich für größere Menschengruppen möglich. Was liegt da näher als der Nil, wenn man sein Leben (bewusst oder unbewusst) beenden oder verändern will?
Auch hier bietet sich eine symbolische Deutung an: Mitten im Fluss, gleich weit vom Nord- wie vom Südufer entfernt (also halbwegs zwischen Afrika und Europa) findet der Erzähler endlich zu sich selbst. Bisher hatte er einen verändernden Einfluss seines Studiums in Europa ja verleugnet; erst durch Husnas brutalen Tod merkt er, dass er sich von seinen Landsleuten unterscheidet. Es gilt, die beiden Teile seines Lebens zu integrieren oder zu sterben. Mustafa gelang eine Integration des westlichen mit dem afrikanischen Anteil nicht und auch der Erzähler befindet sich in der Gefahr, an dem Gegensatz zugrunde zu gehen. Er wählt schließlich das Leben und damit, so unterstelle ich es Salich, die einzig mögliche Zukunft nicht nur für sich, sondern auch für den Sudan. Keine Verwestlichung, aber auch kein starres Festhalten an unmenschlichen Traditionen. Wad Rayyes musste sterben, um dem Erzähler Platz zu machen. (Einfacher wäre diese Deutung natürlich, wenn Husna überlebt und den Erzähler geheiratet hätte, aber sooo einfach ist der Fortschritt nicht.)
Ob dem Erzähler (und dem Sudan) dies gelingen wird, lässt Salich unklar. Vielleicht ertrinkt der Erzähler, vielleicht schafft es der Sudan nicht, seinen Bewohnern ein gutes Leben zu ermöglichen. Vieles liegt in der neuen Nation auch nach der Selbständigkeit im Argen und es gilt für das Land, dieses zu verändern.

Mein Fazit:
Für ein wirkliches Fazit müsste ich das Buch sicher noch ein paar mal lesen, gerne in weiteren Übersetzungen oder am besten im Original. Ich habe immer noch den Eindruck, nur an der Oberfläche des Buches gekratzt zu haben. In ihm verbirgt sich noch vieles, das wir nicht angesprochen haben.
Eines kann ich aber guten Gewissens sagen:
5ratten + :tipp:
(Dass ich auf der Suche nach weiteren Büchern von Salich bin, versteht sich wohl von selbst.)
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Aldawen

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #24 am: 17. September 2007, 21:29:31 »

Der geheime Raum Mustafas gibt meiner Meinung nach auch Antwort auf die Frage, was an Mustafas Leben denn eine Lüge sei: sein Leben als "einfacher Bauer" am Nil. (...)
Diesen geheimen Raum könnte man, wie eigentlich das meiste in diesem Roman, auch symbolisch deuten, als Bild verdrängter Anteile in Mustafas Persönlichkeit.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und kann Dir da zustimmen. Andere Aspekte seines Lebens mögen für Mustafa auch nicht ideal gewesen sein, aber er war mit dem akademischen Leben in England vermutlich an dem Ort, an dem er sich „rechtmäßigerweise“ (was immer das in diesem Zusammenhang für einen Menschen bedeuten mag) aufhielt, während sein Dorfleben eigentlich eine Maskerade ist. Der geheime Raum ist dafür dann die Rückzugsmöglichkeit.


Zum Nil: Ja, so wird es wohl sein. Der Fluß ist als Lebensspender aber auch als Gefahr immer präsent, nötig, geliebt, aber manchmal eben auch gefürchtet. Das Leben kreist um den Nil. Allerdings halte ich Saltanahs geographische Interpretation angesichts der allgemeinen Fließrichtung des Nils und der Tatsache, daß zwischen dem Sudan und Europa außer dem Mittelmeer ja auch noch Ägypten liegt, für etwas gewagt :zwinker:



Bisher hatte er einen verändernden Einfluss seines Studiums in Europa ja verleugnet; erst durch Husnas brutalen Tod merkt er, dass er sich von seinen Landsleuten unterscheidet.

Merken tut er es vorher schon, aber er weigert sich lange, daraus Konsequenzen zu ziehen. Sonst hätte er spätestens bei der Begegnung mit den Polizisten im siebten Kapitel, die zu einem ganz ähnlich gelagerten Fall unterwegs sind, umgedreht. Aber in dieser Duplizität der Handlungen äußert sich möglicherweise wirklich der von Saltanah angesprochene Konflikt zwischen Tradition und Modernisierung. Husnas Handlung ist eben kein völlig singuläres Ereignis, das sich mit einem: „Die muß verrückt geworden sein“ abtun läßt, sondern verweist auf grundlegende Probleme, die im Rahmen der bestehenden Verhältnisse – zumindest aus Sicht der betroffenen Frauen – nicht anders als gewaltsam gelöst werden können.

Für eine Wieholek stehe ich bei Gelegenheit auf jeden Fall zur Verfügung, und mein Buchregal wird sich hoffentlich in den nächsten Tagen, sobald die Bestellung von booklooker eintrifft, noch um zwei weitere Bücher von Salich (Bandarschâh und Die Hochzeit des Sain) erweitern.

Schönen Gruß,
Aldawen
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nikki

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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #25 am: 17. September 2007, 21:31:49 »

Hallo!

Mein Fazit ist auch von vorübergehender Natur. Ich dachte, ich werde am Wochenende Zeit haben, war aber leider nicht so. Ich und mein Schatzi fliegen morgen nach Peru und die letzten Tage waren ganz den Vorbereitungen gewidmet.

Ich schließe mich aber Euren Bewertungen vollkommen an. Gefallen hat mir vor allem, dass Tayeb keine schwarz-weiß Malerei betreibt und keine der "Seiten" weder romantisiert noch dämonisiert wird.

 5ratten

Liebe Grüße
nikki
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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #26 am: 18. September 2007, 09:29:29 »

Allerdings halte ich Saltanahs geographische Interpretation angesichts der allgemeinen Fließrichtung des Nils und der Tatsache, daß zwischen dem Sudan und Europa außer dem Mittelmeer ja auch noch Ägypten liegt, für etwas gewagt :zwinker:

So betrachtet klingt meine Interpretation wirklich "gewagt". Aber sie hat Stütze im Text selbst. Ich beziehe mich auf drei Stellen im 10. Kapitel. In der ersten heißt es I began swimming to the northern shore. (Das Dorf liegt ja am Knick des Nils, da wo er kurzfristig die Fließrichtung ändert und in ost-westlicher Richtung fließt.) Und etwas später I continued swimming and swimming, resolved to make the northern shore. Als ihm dann die Kräfte ausgehen, stellt er fest, dass er sich (in meiner Übersetzung der schwedischen Übersetzung) auf halbem Wege zwischen den Stränden befindet. Die englische Übersetzung ist noch deutlicher: I found I was half-way between north and south. An dieser Stelle fiel bei mir der Groschen.
Erst jetzt fällt mir auf, wie sehr seine "Hauptrichtung" betont wird. Er will nach Norden, schafft das aber nicht, ebenso wenig wie Mustafa es geschafft hat (immerhin kehrt der in den Süden zurück). Jetzt befindet sich der Erzähler in Lebensgefahr - wörtlich ebenso wie im übertragenen Sinne - er ist dabei zu ertrinken (so wie auch Mustafa ertrunken, am Konflikt zwischen seinen Welten zugrunde gegangen ist), und ruft um Hilfe. Bisher hatte ich das Ende mit der Entscheidung des Erzählers "das Leben zu wählen", positiv gedeutet, aber gerade frage ich mich, wie er denn überleben soll? Aus eigener Kraft schafft er es weder ans eine noch ans andere Ufer, und wer soll ihm denn zu Hilfe kommen?

mein Buchregal wird sich hoffentlich in den nächsten Tagen, sobald die Bestellung von booklooker eintrifft, noch um zwei weitere Bücher von Salich (Bandarschâh und Die Hochzeit des Sain) erweitern.
Ich beneide dich darum. Meine Suche war bisher noch erfolglos, ich werde wohl doch - obwohl ich das gar nicht mag - eine Bestellung aufgeben müssen.

@Nikki:
Alles Gute in Peru!
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Re: Tajjib Salich - Zeit der Nordwanderung
« Antwort #27 am: 18. September 2007, 09:45:41 »

Du hast natürlich recht, daß der Nil bei diesem Dorf eine Biegung macht und deshalb seine primäre Fließrichtung ändert. Da ich das Buch inzwischen schon weitergeschickt habe, kann ich im Moment nur nicht mehr nachschauen, ob auch an allen Stellen in der deutschen Übersetzung vom Nordufer die Rede war, erinnere mich aber, daß es zumindest vorkam. In der übertragenen Interpretation mag der Fluß dann aber durchaus als eine Grenze zwischen Afrika und Europa, zwischen Tradition und Moderne herhalten.

Bisher hatte ich das Ende mit der Entscheidung des Erzählers "das Leben zu wählen", positiv gedeutet, aber gerade frage ich mich, wie er denn überleben soll? Aus eigener Kraft schafft er es weder ans eine noch ans andere Ufer, und wer soll ihm denn zu Hilfe kommen?

Hm, gute Frage. Und was läßt ihn hoffen, Rettung vorausgesetzt, daß er am „Südufer“, zu dem er ja zurück will, besser klarkommt als Mustafa? Sicher ist es auch eine Frage der Geisteshaltung. Da unterscheidet er sich wesentlich von Mustafa, der sich emotional nie von England gelöst hat, während der Erzähler feststellt, daß es durchaus Menschen gibt, die ihm so wichtig sind, daß er um ihretwillen den Konflikt auf sich nehmen will. Daher ist seine grundsätzliche Entscheidung durchaus positiv zu sehen, nur: Kommt diese Entscheidung noch rechtzeitig? Das läßt Salich offen.

Schönen Gruß,
Aldawen
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Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika