7. Kap.:
Die Beschreibung der sengenden Sonne war wirklich grandios. Überhaupt liebe ich extreme Naturschilderungen, ob es sich nun um ewiges Eis oder Sandwüste handelt. Hier wird auch deutlich, wieso die jüdisch/christlich/islamische Hölle heiß ist. "The day here is [...] a mere Torment. [...] Night is deliverance." Und auch die Beschreibung der Nacht, in der die Menschen aufatmen können, die Lebensgeister wieder erwachen, ist sehr gut gelungen. Das spontane Fest am Wegesrand hat mich in eine so positive, hoffnungsvolle Stimmung versetzt, hat mich so eingelullt, dass das
8. Kapitel
dann als umso schlimmerer Schock kam. Durch Salihs Hinhaltetaktik wirkt das Kapitel noch stärker. Was kann nur geschehen sein, wenn alle darüber schweigen? Die schlimmsten Vermutungen müssen übertroffen worden sein. Und so war es dann auch.
Aber vorher kommt noch ein kleiner Exkurs über die heuchlerischen, raffgierigen, bestechlichen Politiker, der mir sehr gut erklärt, wieso das Buch im Sudan verboten wurde. 10 Jahre nach der Unabhängigkeit, von der sich die Sudanesen vermutlich eine große Verbesserung ihrer Lebensumstände erwarteten (im Buch hieß es an einer Stelle, der Armut würde dann ein Ende gemacht), stellt der Erzähler enttäuscht fest, dass seine Landsmänner genauso ausbeuterisch veranlagt sind wie die Engländer. "Die Menschen sind überall gleich", sagt er ja am Anfang des Buches, als er über die Briten befragt wird, und hier bestätigt sich das in der anderen Richtung auch.
Schließlich erfährt er dann von Bint Majzoub, was wirklich vorgefallen war. Ich weiß nicht, was das Schlimmste an der Schilderung war. Die abgebissene Brustwarze, die mir durchaus Alpträume verursachen könnte, die Tatsache, dass die Dorfbewohner Husnas Schreie mit dem Hinweis, sie solle sich "doch nicht so anstellen", ignoriert haben (Wad Rayyes tat doch nur, worauf er ein gutes, gesetzliches Recht hatte), oder die völlig einseitige Schuldzuschreibung für Husna, die getan hat, was eine Frau absolut nicht tun darf, und wofür es überhaupt keinen erkennbaren Anlass gab. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich unter der Oberfläche auch bei einigen Dorfbewohnern Zweifel rühren, ein schlechtes Gewissen sich vielleicht zu erkennen gibt, das aber schleunigst unterdrückt werden muss. Das Unter-den-Teppich-kehren der ganzen Angelegenheit deutet doch stark darauf hin, dass niemand genauer darüber nachdenken will, was eigentlich geschehen ist, was die Ursachen waren. Offiziell wird so Husna zur "Bösen" erklärt, die durch ihr unangemessenes Verhalten die Ruhe des Dorfes gestört hat.
Noch schlimmer als das alles ist für mich aber die Reaktion von Wad Rayyes alter Frau, die auf die Information hin, ihr Mann wäre umgebracht worden, auf englisch nur "Good riddance" (auf schwedisch "Schön, ihn los zu sein") antwortet, und am nächsten Tag jubelt, Husna segnet und sagt, Rayyes habe sich sein eigenes Grab gegraben. Schon wahr, aber was muss diese Frau durchgemacht haben, um auf diese schockierende, untraditionelle Art und Weise zu reagieren. Da tut sich ein Abgrund an Entsetzlichkeiten auf!
Ich frage mich allerdings, was Husna zu ihrem "extremen" Handeln gebracht hat, wie sie es auch nur in Erwägung ziehen konnte, so undenkbar zu handeln. Wann und wie hat sie einen anderen Blick auf ihr Leben bekommen? Der Erzähler war für 7 Jahre im Ausland, sie aber hat ihr gesamtes Leben im Dorf verbracht. Hat Mustafa sie "erzogen", sie auf neue Gedanken gebracht, ihr Alternativen aufgezeigt? Hoffentlich erfahren wir mehr darüber.
Glaubst du wirklich, Aldawen, der Erzähler hätte Mahjoub umgebracht? Auf den Gedanken war ich gar nicht gekommen, ich war davon ausgegengen, jemand anders hätte rechtzeitig eingegriffen. Aber denkbar ist es schon.