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Autor Thema: Leonardo Padura - Ein perfektes Leben (Havanna-Quartett: Winter)  (Gelesen 809 mal)

illy

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Leonardo Paduras „Ein perfektes Leben“ ist der erste Teil seines Havanna-Quartetts um den kubanischen Polizisten Mario Conde. Das Buch beginnt mit einer wunderbaren Beschreibung eines verkaterten Erwachens des Helden, der trotz Wochenende einen verschwundenen Funktionär suchen muss. Da dieser die gleiche Schule wie er besuchte und schließlich Condes heimliche, große Liebe heiratete, bringt der Fall den Helden immer wieder zum Grübeln über den bisherigen Verlauf seines Lebens. Aufkommende Zweifel werden bevorzugt gemeinschaftlich mit dem besten Freund mit viel Rum und dem Ansehen eines Baseballspiels oder Musikhören bekämpft.

Das Buch lebt nicht vom Kriminalfall, sondern von den Beschreibungen des kubanischen Alltagslebens, fernab vom Tourismus. Es werden immer wieder Episoden aus der Jugend Condes eingestreut, der einem mit seinen Eigenarten schnell ans Herz wächst. Eigentlich wäre er ja schließlich viel lieber Schriftsteller als Polizist, doch die Realität hat ihn so sehr gefangen, dass er sich nach Feierabend nur noch betäuben kann und keine Kreativität mehr aufbringt. Der Leser bemitleidet ihn in gewisser Weise, aber da sein Leben irgendwie zu ihm passt, wünscht man ihm zwar Erfolg, aber dennoch kein langfristiges Glück, denn das würde die rumgetränkte Melancholie verscheuchen, die dieses Buch ausstrahlt. Ein Buch zu dessen Lektüre eigentlich ein Glas (oder eine Flasche) guter kubanischer Rum und eine Zigarre gehören. Ich habe es auch ohne diese beiden Dinge genossen und werde jetzt Ausschau nach den Folgebänden halten.

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Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.  (Friedrich Nietzsche)

Bettina

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Re: Leonardo Padura - Ein perfektes Leben (Havanna-Quartett: Winter)
« Antwort #1 am: 26. November 2008, 10:12:48 »

Kurzbeschreibung
Teniente Mario Conde kuriert seinen Kater von der Silvesterfeier aus, als er von seinem Chef den Auftrag erhält, ein verschwundenes hohes Tier aus der kubanischen Nomenklatura zu suchen. Bei dem Verschwundenen handelt es sich um Rafael Monrín, einen Schulkollegen. Schlagartig kommen Conde die Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit zurück: Der Mann mi der blütenweißen Weste, der zuverlässige Genosse, war schon damals ein Musterschüler, der immer das bekam, was er wollte - auch Condes Freundin Tamara. Aber in Rafael Moríns perfektem Leben gib es ein paar verdächtige Momente, die genauer zu untersuchen sich lohnt.

Meine Eindrücke
Ein perfektes Leben ist genau das, was Rafael Morín seit seiner Kindheit führt: Schulsprecher, Klassenbester, immer engagiert, immer die richtigen Worte parat und stets die richtige Geste seinen Angestellten, Freunden und Bekannten gegenüber. Als Morín plötzlich verschwindet, kann keiner dem Ermittler Mario Conde eine Erklärung liefern. So perfekt ist dieser Mann, dass es einfach keinen Grund geben kann, ihm etwas anzutun. Wäre da nicht Moríns Posten: Er ist ein hoher Kader im Industrieministerium, ein Posten, der vielleicht doch einen schwarzen Fleck auf der Weste hinterlassen kann. Conde gerät bei den Ermittlungen in arge Bedrängnis, denn ausgerechnet Moríns Ehefrau Tamara war während der Schulzeit Condes absolute Traumfrau, ein Traum, den er bis heute nicht vergessen hat.

Teniente Mario Conde taucht in diesem Buch tief in seine Vergangenheit; der Kriminalfall wird mehr zum Aufhänger und Spiegel für die cubanische Mentalität und Kultur, als dass er das Buch dominiert. Mit Conde geht es in Rückblicken wieder in die Schulzeit oder zu freiwilligen Arbeitseinsätzen - und immer dabei: Morín, der Tamara im Arm halten darf, der die Jugendlichen auf die cubanischen Ideale einschwört und Disziplin und Respekt für die Revolution anmahnt. Morín hat scheinbar alles richtig gemacht. Der Sohn aus armem Haus heiratet die Diplomatentochter und öffnet sich geschickt die Türen zum gesellschaftlichen Aufstieg. Sogar Auslandsreisen sind drin, während Conde und seine Freunde wie alle anderen den Alltag des kommunistischen Cuba meistern müssen.

Conde kann zutiefst melancholisch werden. Er und seine Freunde sind einfühlsam beschrieben und die Mischung aus Lebenslust und Melancholie ist Teil der gesamten Gesellschaft, die Padura beschreibt. Die Personen im Buch spiegeln alle jeweils eine Facette des Landes, das ein gesellschaftliches Ideal erfüllen soll und dafür gleichzeitig einen kaum zu bewältigenden Spagat meistern muss. Padura beurteilt diese Traumwelt nie, überlässt es aber den Lesern mit der geschickten Auswahl der Charaktere, sich ihren Teil dabei zu denken.

Wie illy will auch ich schauen, ob ich nicht noch die anderen drei Bände der Serie lesen kann.

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Ich lese mich rund um die Welt.

Aldawen

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Re: Leonardo Padura - Ein perfektes Leben (Havanna-Quartett: Winter)
« Antwort #2 am: 09. Mai 2010, 09:22:05 »

Auch noch eine Woche nach Ende der Lektüre bin ich etwas zwiegespalten. Der Anfang war schon nicht ideal, um das Buch und mich zusammenzubringen, da hier meine Abneigung gegen übermäßigen Alkoholgenuß als Mittel zur Problemlösung und/oder Entspannung zum Tragen kam und diese Aversion im weiteren Verlauf immer wieder bedient wurde. Daher kann ich auch nicht sagen, daß mir Teniente Conde besonders sympathisch gewesen ist. Außerdem hätte ich es insgesamt „kubanischer“ erwartet (wie immer man das genau definiert), aber das meiste hätte auch ohne Anpassung in jedem x-beliebigen anderen Land spielen können – vorausgesetzt, es ist ein eher armes Land mit großen Einkommensunterschieden und Patronagesystem. Fürs Lokalkolorit reicht es dann nicht, Rum statt Waragi oder Cachaça in sich hineinzuschütten.

Allerdings gefiel mir Paduras Stil von diesen Aspekten abgesehen durchaus, und auch, daß der Kriminalfall an sich eine völlig untergeordnete Rolle spielt und vor allem als Aufhänger dient, um den Leser mit Condes Biographie vertraut zu machen, hat mich überhaupt nicht gestört. Aber ich wäre auch nicht böse gewesen, wenn Sargento Manuel Palacio eine größere Rolle gehabt hätte, der Junge scheint mir einen recht trockenen Humor zu haben, der gerne häufiger zum Einsatz kommen dürfte. Das wäre dann auch ein gutes Gegengewicht zu Condes Melancholie, die nicht weit vom Selbstmitleid entfernt ist, und das ist etwas, was ich in Romanen nicht wirklich gerne lese, weil es mich nervt. Schwierige Umstände und ein der meisten Chancen beraubtes Leben entschuldigen sicher vieles, aber sich hängen zu lassen hilft ganz bestimmt nie. Ich werde also auf jeden Fall eine Pause einlegen und dann demnächst entscheiden, ob ich für einen Frühling noch einmal nach Havanna reise.

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Schönen Gruß,
Aldawen
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Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika

Avila

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Re: Leonardo Padura - Ein perfektes Leben (Havanna-Quartett: Winter)
« Antwort #3 am: 03. Oktober 2011, 18:02:57 »

Ich habe eigentlich nur zu dem Buch gegriffen, weil ich eines für meine Weltreise brauchte und ich muss sagen, dafür war es ne sehr gute Wahl. Das kubanische Flair kam ziemlich gut rüber, wie ich fand. Mit viel Rum und Zigarren. Und dann die Namen und die Dimitive an den Namen, die ich ja eh so sehr liebe. :)
Ansonsten ist das Buch kein Krimi, wie man es normalweise gewohnt ist. Das Leben des Condes steht eigentlich viel mehr im Vordergrund. Durch viele interessante Rückblicke bekommt man immer wieder einen Eindruck von seiner Vergangenheit. Besonders gefallen hat mir, dass manche Sachen vorher in Gesprächen erwähnt wurden und diese dann in den Rückblicken nochmals ausführlich beschrieben wurden. Lebhaft wurde das Buch aber auch durch die Sprache im Allgemeinen. Besonders die "Verhöre" gefielen mir, weil sie in ähnlich abgehackten Sätzen geschrieben wurde, wie man auch wirklich reden würde.
Ansonsten hat  mir der Protagonist mit all seinen Fehlern, die er hat, gefallen. Er war kein Superheld-Detektiv, sondern einfach ein Mann, der auch schon einige Enttäuschungen hinter sich hat. Aber auch die anderen Figuren waren alle sehr schön und realitätsnah beschrieben.
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:leser:
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