Robert Harris - "Imperium"
Inhalt:Der Sklave Tiro erzählt das Leben und Schaffen seines Meisters: Cicero. So werden wir zurückversetzt ins alte Rom, in der ausklingenden Republik. Der "homo novus" Cicero, der sich nicht durch Reichtum sondern einzig durch Redetalent durch den cursus honorum bis hin zum Konsul hocharbeitet, ist ein umsichtiger Politiker, den zu kritisieren Tiro sich selten erlaubt. Ciceros Leben, in dem er sich immer gegen die Aristokratie stellen muss, wird über den Prozess gegen Verres bis zum Antritt seiner Konsulschaft dargestellt.
Meine Meinung:Ich liebe historische Romane, die in Rom spielen. Ein Grund dafür mag sein, dass ich mich in meinem 6 Jahre währenden Lateinunterricht durch einige der wichtigsten lateinischen Texte gekämpft habe, und so über ein relativ fundiertes Wissen über eben jene sowie über die zeitlichen Umstände verfüge. Dies tritt natürlich auch bei Cicero in Kraft, dessen Reden gegen Verres ich übersetzen durfte. Ich habe sogar, als es im Buch zu dieser Stelle kam, meine Cicero - Texte herausgesucht, mir aber leider doch nicht die Zeit genommen, sie mir genau anzusehen (um Latein fließend zu lesen haben meine Kenntnisse nie ausgereicht). Auch Catilina tritt im Text in Erscheinung, die Umstände seiner Verschwörung und Ciceros Reden gegen ihn hätten mich grundsätzlich sogar mehr interessiert als jene gegen Verres.
Tiro, der nebenbei eine Kurzschrift erfunden hat, um Ciceros Reden schneller mitschreiben zu können, stellt seinen Meister meist unkritisch, jedoch nie als rein positive Figur dar. Er erlaubt sich Zweifel, artikuliert diese jedoch meist nur unter der Betonung, dass Cicero dies nicht im Vorfeld habe wissen können. Dennoch bleibt die Figur des größten Redners der Antike (oder gibt es da andere Meinungen

) nicht eindimensional: Auch wenn Tiro Ciceros Verhalten selten wertet (obwohl er doch gern früher freigelassen worden wäre), wird dieses durch seinen Bruder Quintus und seinen Cousin Lucullus kritisch in Augenschein genommen.
Gerade der alte Tiro hätte mehr Empathie für seinen früheren Herrn gezeigt. Deshalb wirkt das Ganze nicht authentisch.
Ich denke doch, dass Tiro als sehr empathisch dargestellt wird. Er leidet oft scheinbar mehr als Cicero selbst. Manchmal scheint es auch, als wären die Gefühle, die Cicero eigentlich haben sollte, von Tiro reflektiert und erlebt. Dies scheint mir aufgrund der Beziehung, die obwohl sie freundschaftlich ist, doch vom sozialen Unterschied geprägt wird, auch authentisch. Natürlich ist das Buch nicht in dem Sinne authentisch, als dass es als echte Biographie Ciceros geschrieben vom echten Tiro (die es ja angeblich gegeben hat) durchgehen könnte. Aber Harris schreibt ja auch einen modernen Roman und versucht nur selten (in den Reden) den damals herrschenden Stil zu imitieren.
Auch "Imperium" ist eigentlich eine Parabel auf heutige Zustände. Harris hält Amerikanern und Briten seit Vaterland gerne den Spiegel vor und das macht er inzwischen leider sehr penetrant, besonders wenn man die Quellen kennt. Damit es passt verdreht er sogar historische Fakten. ZB wurde man nicht in den Senat gewählt, sondern nach Ableistung eines höheren Amtes automatisch Mitglied -- Senatswahlen gibts allerdings in den USA und bei Harris hat der "römische" Senat auch genau die Funktion des US-Senats. Das ist sicherlich Absicht, aber mir gehen solche Verdrehungen ziemlich auf die Nerven.
Es wäre sicher spannender gewesen, wenn es Harris weniger um aktuelle Verhältnisse gegangen wäre.
Dass dies so ist, habe ich erst durch deine Rezi erfahren. Ich bin jedoch froh, während des Lesens nichts darüber gewusst zu haben, es hätte mein Leseverhalten (und wahrscheinlich auch mein Lesevergnügen) doch sehr beeinflusst. Ohne Vorwissen ist mir nichts aufgefallen, von Penetranz kann ich dementsprechend nichts feststellen.

Es wäre interessant, mehr über diese Parallelen zu erfahren, weiß jemand etwas darüber?
Da der Roman bei aller Brisanz nicht sonderlich mitreissend geschrieben ist, bin ich doppelt enttäuscht.
Da kann ich dir überhaupt nicht zustimmen! Ich fand den Roman so mitreißend erzählt, dass ich mich nur schwer davon losreißen konnte. Das Flair stimmt, die Sprache ist unprätentiös und passt perfekt auf die zu erzählenden Ereignisse, jeder Schwulst und Kitsch wäre mir in dieser Hinsicht unerträglich!
Mir hat's gefallen, ich werde sicher wieder was von Harris lesen ("Fatherland" hört sich sehr interessant an...)!
