England, 1530. Mary Boleyn, Tochter aus gutem Bürgerhause, ist gerade mal vierzehn, frisch verheiratet und Hofdame von Königin Katharina, der unglücklichen ersten Ehefrau von Heinrich VIII. von England. Nachdem sie ihm in langjähriger Ehe nur eine einzige Tochter geboren hat und alle anderen Schwangerschaften mit Fehl- oder Totgeburten endeten, besteht die Verbindung nur noch auf dem Papier, während Heinrich sich frohgemut mit jungen Mädchen vergnügt und diverse uneheliche Kinder zeugt.
Bei einem Maskenball fällt sein wohlwollender Blick auf die hübsche Mary. Angespornt von ihren Eltern und dem ehrgeizigen Onkel, die allesamt darin die große Chance der Familie Boleyn sehen, gibt sich Mary einer Affäre mit dem König hin und bringt zwei Kinder zur Welt, die von ihm stammen, während ihr Ehemann gezwungenermaßen gute Miene zum bösen Spiel macht.
Als Mary aber nach der zweiten Entbindung noch im Kindbett liegt, steigt an ihrer Stelle ihre blitzgescheite Schwester Anne, eine launische Schönheit, die gerne Ränke schmiedet, zur Geliebten des Königs auf.
Die Königin ist so gut wie verstoßen, Heinrich will Anne heiraten, doch bis sich ein Weg findet, wie er das einfädeln kann, gehen lange Jahre ins Land. Schließlich bricht Heinrich Anne zuliebe mit dem Papst, erklärt seine erste Ehe für ungültig und heiratet seine Geliebte. Die Sympathie des Volkes liegt jedoch bei Katharina.
Währenddessen ist Mary nur noch daran gelegen, möglichst viel Zeit abseits des strengen, oft fast grausamen Hofprotokolls mit ihren Kindern verbringen zu können...
Aus der Sicht der etwas naiven, aber warmherzigen Mary wird die bekannte Geschichte um Heinrich und die ersten beiden seiner sechs Frauen erzählt. Die großen politischen Zusammenhänge treten stark in den Hintergrund, was Marys eher häuslichem Charakter entspricht. Dafür erfahren wir viel über das alltägliche Leben am Hof und die ständigen Intrigen und Machtspiele, die dort genauso wie innerhalb der Familie Boleyn an der Tagesordnung sind, über die ständige Rivalität zwischen den beiden Schwestern und Marys Hin- und Hergerissensein zwischen der Loyalität zu ihrer Königin, die sie eigentlich empfindet, und der politischen Spielchen, an denen sie gezwungenermaßen teilnehmen muss.
Frauen sind nur Schachfiguren auf dem Spielbrett der Heiratspolitik, die Lorbeeren für geschickt eingefädelte Verbindungen, für die sie sich hergeben müssen, ernten die Ehemänner, Väter und Brüder. Erschreckend auch die Praxis, Frauen einen Monat vor dem Geburtstermin in ein licht- und frischluftloses Zimmer einzuschließen, das sie erst lange nach der Entbindung wieder verlassen dürfen, genauso unmenschlich erscheint aus heutiger Sicht die damalige Auffassung von Kindererziehung.
Das Schicksal der verbannten Königin Katharina von Aragon, der Aufstieg und Fall der Anne Boleyn, die Launen des Königs, der einen langjährigen Vertrauten ohne mit der Wimper zu zucken dem Schafott überantwortet, wenn der es zu widersprechen wagt, ist ein altbekannter Stoff, der immer wieder als Hintergrund für historische Romane dient. Philippa Gregory ist eine sehr menschliche Version der Geschichte gelungen. Mary, ihr Bruder George und Anne sind keineswegs durchgängig Sympathieträger, die berechnende Anne war mir sogar größtenteils unsympathisch, und trotzdem hat mich das Buch sehr gefesselt.
Lesern, die gerne Schlachtengetümmel und detaillierte Ausführungen zur Geschichte in historischen Romanen mögen, sei von diesem Buch abgeraten, aber wen das Zwischenmenschliche, die Kleinigkeiten des Lebens am Hofe und eine authentische Atmosphäre reizt, der könnte mit dieser Lektüre ein paar genüssliche Lesestunden verbringen.

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