Henry James – Die Flügel der Taube
(dt. von Ana Maria Brock, OT: The Wings of the Dove, erschienen 1902)


Klappentext
Die New Yorkerin Milly Theale, wohl behütete Erbin eines großen Vermögens, gilt in London als umschwärmter Mittelpunkt der vornehmen Salons. Sie ist schön, intelligent und reich, doch ihr Leben wird von einer rätselhaften Krankheit überschattet. Eine Reise nach Europa bringt sie erneut mit dem New Yorker Journalisten Merton Densher zusammen, der von seiner egozentrischen Verlobten Kate Croy dazu gedrängt wird, um Milly zu werben und durch eine Heirat an ihr Vermögen zu gelangen. Seine Liebe verleiht der jungen Frau neuen Lebensmut, doch während eines Aufenthaltes in Venedig entdeckt Milly das falsche Spiel und eine Katastrophe tritt ein.
Dieses Buch war für mich ein wirklich harter Brocken, an dem ich mir die Zähne ausgebissen habe. Mit der altertümlichen Ausdrucksweise und den langen und verschachtelten Sätzen ist es stilistisch anspruchsvoll, kommt selten gleich auf den Punkt, sondern umkreist das Wesentliche. Man braucht viel Geduld, wenn man sich damit befasst. Ich habe knapp nach Seite 300 (von 500) aufgegeben, von daher ist eine angemessene Würdigung fast unmöglich.
Im Telegrammstil hört sich der Verlauf der Ereignisse spannend an. Die Konstellation zwischen dem gefügigen Densher, der berechnenden Kate und Milly als Opfer der geplanten Intrige birgt einiges an Brisanz, doch die ständigen stilistischen Bremsen stahlen mir zunehmend die Lust am Lesen. Im Vergleich zu James‘ „Bildnis einer Dame“ erschien mir dieses Werk viel komplexer und theoretischer, soll heißen: Wenig Handlung, dafür viele Gedankengänge. Zwar wird die Spannung einigermaßen erhalten, da sich der Ablauf nur allmählich entfaltet und man immer auf gleicher Höhe mit den Protagonisten ist, doch gepaart mit der Schreibweise hatte ich irgendwann das Gefühl, nur auf der Stelle zu treten. Es gab einige Dialoge, in denen so um den heißen Brei herum geredet wurde, dass ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, worum es ging. Ohne den Klappentext und eine ungefähre Ahnung über den Verlauf der Handlung wäre ich sicher längere Zeit im Dunkeln getappt.
Die einzelnen Charaktere werden von Beginn an langsam aufgebaut und weiterentwickelt, aber gerade Kate Croy, für mich die vielschichtigste und spannende Figur, blieb im Wust der Formulierungen immer etwas unvollständig, zumindest bis zu dem Punkt, an dem ich das Lesen einstellte. Es steckte noch einige Potential in ihr, das für mein Empfinden zu lange brauchte, sich zu entfalten.
Die zu Henry James‘ Zeiten übliche Darstellungsweise ist mir durchaus von ihm und seinen Zeitgenossen bekannt, aber an diesem Buch bin ich kläglich gescheitert. Wenn man die erforderliche Zeit und Geduld hat, sich auf den Anspruch und das Niveau dieses Romans einzulassen, wird er bestimmt gute Unterhaltung bieten, doch mir war der Kampf und der Versuch, in die Handlung hineinzukommen, zu viel.
