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Autor Thema: Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns  (Gelesen 1840 mal)

tina

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Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« am: 08. August 2007, 23:51:31 »

Heinrich Böll –  Ansichten eines Clowns
OA: 1964
275 Seiten
ISBN: 3423004002

Kurzbeschreibung
Hans Schnier, Berufsclown, erfährt seinen beruflichen und privaten Zerfall und Abstieg, nach dem sich seine Lebensgefährtin Marie von ihm trennt. Aus der Sicht dieses Clowns, wird die Beziehung, die Kirche, die Politik und die Gesellschaft analysiert und eine akribische Ursachenforschung betrieben, allerdings ohne Erfolg.

Eigene Meinung
Das Buch handelt von  der Liebe und deren Scheitern an inneren und äußeren Einflüssen, denen sich kein Mensch entziehen kann. Nicht immer stimmt das Sprichwort, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Allzu oft ist der einzelne Mensch zu ohnmächtig und unbedeutend um den Fallen, die das Leben stellt auszuweichen und zu entrinnen. Wir sind nicht, auch wenn wir noch so sehr selbst davon überzeugt sind, den äußeren Einflüssen auf unsere Leben gewachsen. Wir scheitern im privaten an falschen Moralvorstellungen, Erwartungshaltungen von Gesellschaft, Familie, Bekannten und Kirche. Ja sogar die Politik macht so manches Mal nicht halt, vor dem kleinen Mann und seiner kleinen Welt, denn irgendwie steht alles in einem Zusammenhang. Wer sich dagegen wert oder anders sein möchte, ja sich heraus nimmt ein selbst denkendes Individuum zu sein, der wird zum Außenseiter und zur Lebensunfähigkeit abgestempelt. Wer nicht opportun ist, der wird mit Verachtung gestraft, gilt als Anarchist und weltfremd. Wir sich anpasst, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse verrät, der ist willkommen in der homogenen und farblosen Masse der Jasager und Selbstverleugner und mittendrin in der Welt der Doppelmoral und Bigotterie. Wenn dann durch solche äußeren Einflüsse der einzige Halt im Leben zerstört wird, dann gibt es nicht mehr viel, für das es noch loht zu arbeiten und zu atmen. Dann kommt die große Leere, an Emotionen, Impulsivität, Individualität und Selbstachtung. Dann wird das Leben zur Farce und der Abstiegt kann so schnell wie der Aufstieg kommen, denn das was das Leben und das Menschsein ausmacht, wird mit Füßen getreten, verspottet und in den Dreck gezogen. Es wird immer Menschen geben, die wissend den mahnenden Finger erheben und andere maßregeln, aber letztendlich sind auch sie Verlierer, denn sie werden wohl nie erfahren was der eigentliche Sinn des Lebens ist. Vertrauen, Freundschaft, Liebe und endlich an einem Ort anzukommen, den man sein zu Hause nennen kann.

Dieses Buch wird nie an Aktualität verlieren, denn sein Thema ist zeitlos.
Dies war mein erstes Buch von Heinrich Böll, aber mit Sicherheit nicht mein letztes.

 4ratten

Tina
« Letzte Änderung: 23. September 2011, 00:17:23 von tina »
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 :buecherstapel: Mein SUB

:leser:
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Tammy1982

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Re: Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« Antwort #1 am: 09. August 2007, 09:30:06 »

Hallo Tina,

ich habe das Buch selber noch nicht gelesen, aber ich finde deine Rezension echt total schön.  :daumen:
Vllt. les ich ja doch noch mal das Buch. Hab mich mal an "Billiard um halb zehn" von H. Böll versucht, aber es nie zu Ende gebracht. Ist aber schon ein paar Jahre her...

Liebe Grüße
Tammy (die im wirklichen Leben auch "Tina" heißt...  :breitgrins:)
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"Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönheit zu erkennen, wird nie alt werden." (Franz Kafka)

creative

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Re: Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« Antwort #2 am: 09. August 2007, 19:16:16 »

Ich bin bekennender Böll Fan, und "Ansichten eines Clowns" ist mein LIeblingsbuch von ihm. Ich habe es mittlerweile wohl schon 4 mal gelesen, und immer wieder entdecke ich Neues.

@tina:In Deiner Rezi sprichst Du wohl die Leute in Hans Schniers Umgebung an, oder? V.a. das Thema der "Scheinheiligkeit" spielt eine große Rolle. Böll beobachtet sehr genau und beschreibt die Gesellschaft der Nachkriegszeit mit all ihrer Selbstgerechtigkeit sehr genau. Auch die Politik und die katholische Kirche werden sehr zynisch und kritisch aufs Tablet gebracht.

Dennoch halte ich es für wichtig, den Charakter des  Hans Schnier näher zu beleuchten. Er  ist ein liebenswerter Anti-Held, passiv, lethargisch, ehrlich, mit eigenen Vorstellungen von Moral. Oftmals möchte man ihm einen Tritt verabreichen denn ich hatte schon das Gefühl, dass er auch in Selbstmitleid versinkt. Einerseits  begehrt er gegen die Gesellschaft auf, zieht zynisch über sie her, andererseits schafft er es aber auch nicht, sich von der Gesellschaft ganz loszusagen. Zu dieser labilen Gemütslage hat sicherlich das Elternhaus beigetragen und v.a. der Tod seiner Schwester hat ihm wohl am ärgsten zugesetzt.

In jedem Fall ein wunderbares Buch!

5ratten 
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:blume:  Herzliche Grüße!  :blume:
creative

Zzzarathustra

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Re: Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« Antwort #3 am: 02. September 2007, 22:33:53 »

Ich habe diese Buch auch gelesen. Faszinierend ist die Hauptperson...welhce schon durchweg konträr zu Geselschaftlichen Zwängen steht. Das Buch ist nicht schlecht...ich halte aber andere Böll Bücher für besser, an Stelle 1 das Ende einer Dienstfahrt...aber auch sehr empfehlenswert sind die gesammelten Erzählungen welche wunderbar den Kriegsalltag wiederspiegeln und sehr Tiefgründig sind...Böll zählt aber als ganzes schon zu den vergessenen Größen Deutscher Literatur...obwohl er sich nirgend wirklich einordnete und einordnen ließ...und oft verkannt wird.

Momentan befase ich mit Dostojewski....ok an diese Tiefe kommt Böll nicht heran...bin aber echt von Dostojewski begeistert..aber das gehört woanders hin....Böll würde ich eher in die Richtung Völkischer und dem einfachen Menschen verbundenen Schriftsteller verstehen...als welcher er ja auch gesehen werden wollte...er sah sich immer den einfachen Mann von Nebenan verbunden...aus eben welchen Verhältnissen er ja auch stammt.
« Letzte Änderung: 02. September 2007, 22:41:03 von Zzzarathustra »
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sandhofer

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Re: Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« Antwort #4 am: 03. September 2007, 07:22:00 »

Na ja ... ich mag Böll nicht unbedingt, und dass er vergessen geht, geschieht ihm bzw. dem Grossteil seines Werkes zu Recht, aber:

"dem einfachen Menschen verbunden" ist ja ok, nur: "völkisch" heisst dann doch etwas ganz anderes ... ;) Könnte es sein, dass Du "volkstümlich" meintest?
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Zzzarathustra

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Re: Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« Antwort #5 am: 03. September 2007, 21:09:17 »

 :redface: ähhm ja wenn Böll aber auch vieles war so war er doch nicht völkische im Sinne des völkischen Beobachters...da hab ich doch die Sprache etwas in die Falsche Richtung verbogen, Danke! Böll war dem Volke verbunden und dem völkischen konträr  :zwinker:
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moosmutzel

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Re: Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« Antwort #6 am: 07. September 2007, 03:12:32 »

Ich mag Böll und auch die Ansichten. Ich bin sonst kein Fan von deutscher modernenr Literatur und kann mit vielen nichts anfangen: so zB Grass, aber Böll ist wegen seiner Zeitkritik und ungekünstelten Sprache immer Lesenswert.
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Yklamyley

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Re: Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« Antwort #7 am: 11. Dezember 2008, 21:39:36 »

Seit langer Zeit habe ich wieder einmal Böll gelesen und bin fasziniert. Wie wenig ändert sich in Wahrheit doch, viele der Charaktere, denen Hans Schnier begegnet, kenne ich auch. Wie gleichbleibend berechtigt ist die Kritik am Katholizismus und an der Religion!
Ich mag Böll; ich mag seinen Stil, die Art, wie er erzählt, und vor allem mag ich an diesem Buch den Einfall, die Geschichte durch die Telefonate, die Schnier mit den betreffenden Personen führt, zu untermauern. Hans hat eigentlich niemanden mehr, einzig durch das Telefon bleibt er mit der Außenwelt in Kontakt. Sonst ist da nur seine Erinnerung, die immer wieder eine Erinnerung an Marie ist.
Bölls Kurzgeschichten sind besser, trotzdem gibt es für die "Ansichten" 5ratten
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Sookie

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Antw:Heinrich Böll - Ansichten eines Clowns
« Antwort #8 am: 03. August 2009, 18:16:03 »

Inhalt:
Hans Schnier stammt aus einer reichen Familie, wird aber immer mehr zum Außenseiter. Er geht von der Schule ab, ohne Abitur zu haben, läuft mit Marie weg und lebt in einer nicht legalisierten Ehe mit ihr und statt einen "ordentlichen" Beruf zu lernen wird er Clown. Nach sechs Jahren verlässt Marie ihn und heiratet einen Katholiken. Hans kann sich damit nicht "wie ein Mann abfinden" und landet schließlich auf der Straße.

Meine Meinung:
Wieder mal eine Schullektüre, die mich sehr positiv überrascht hat. Das hießt eigentlich hatte ich ja die freie Wahl, es sollte nur ein Gesellschaftsroman aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gelesen werden. Darunter konnte ich mir allerdings nichts besonders Vielversprechendes vorstellen. Ich wurde auch noch vor dem Lesen gewarnt, dass das Buch schrecklich langweilig und zäh sei. War es aber gar nicht. Ich muss zugeben, dass es manche Stellen gab, wo ich mich durchgequält habe und das Buch am liebsten weggelegt hätte, aber ich wurde schon nach wenigen Seiten wieder für mein Durchhalten belohnt mit witzigen und/oder interessanten Szenen. Am besten haben mir die Telefonate gefallen, die Hans geführt hat, unter anderem weil sie sehr lustig waren und ich fand es eine tolle Idee, dass Hans die Menschen durchs Telefon riechen konnte (mich würde mal interessieren, wieso? Hat das einen bestimmten Grund?).
Hans ist ein sehr sympathischer Protagonist, vor allem, weil man einfach Mitleid mit ihm haben muss. Er hat scheinbar niemanden mehr, der sich um ihn kümmert und wird von allen verstoßen. Zwar versinkt er fast in Selbstmitleid, aber er scheut sich auch nicht, den Leuten, die ihn so behandeln, seine Meinung über sie mitzuteilen. Mir hat es auch gut gefallen, dass der Roman in der ersten Person geschrieben ist. So kamen seine Gefühle noch besser herüber und da er ein Clown ist, waren auch viele seiner Kommentare zu Personen oder Ereignisse sehr lustig.
Trotzdem ist die Geschichte an sich eher deprimierend und traurig, wobei ich aber fand, dass es durch die lustigen Szenen einigermaßen ausgeglichen war.
Über die Zeit an sich, ich denke der Roman spielt Anfang der 60er, erfährt man nebenbei auch so einiges, größtenteils dreht es sich natürlich um Katholiken und Protestanten und Nichtgläubige, aber Religion war eben damals für die Menschen noch ein viel wichtigerer Bestandteil des Lebens. Und natürlich kommt man nicht daran vorbei, dass damals noch richtig viel geraucht wurde. Es hat mich ziemlich gestört, dass ständig alle geraucht haben, aber das war damals eben so.
Nach dieser Lektüre bin ich mir sicher, dass ich von Böll noch mehr lesen werde.

Bewertung:

3ratten:marypipeshalbeprivatmaus:
Wegen des Endes, das mir nicht gefallen hat und die teilweise sehr zähen Passagen zwischendrin...

Lg,
Sookie :winken:
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Statistik '12
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   Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.
Franz Kafka