Charles Dickens ~ Große Erwartungen
Seiten:612
Verlag: insel Taschenbuch
Erscheinungsjahr:1860
Der Waisenjunge Pip (eigentlich Philipp Pirrip) wird von seiner älteren Schwester und deren Mann, dem Schmied Joe Gargery, im Marschland in der Nähe von London aufgezogen. Seine grobschlächtige und cholerische Schwester gibt ihm stets das Gefühl, unerwünscht, ja eine Last für sie zu sein. Mit dem sanften, herzensguten, aber einfach gestrickten Joe Gargery verbindet Pip allerdings eine tiefe Freundschaft, die ein Leben lang halten soll. Auf dem Friedhof, wo seine Eltern begraben sind, begegnet Pip einem entflohenen Verbrecher, der Pip unter Gewaltandrohung dazu zwingt, für ihn Lebensmittel und eine Feile zu stehlen, mit der er sich von seiner Fußfessel befreien kann. Pip gehorcht, der Verbrecher flieht. Doch fortan lebt Pip in ständiger Angst, dass er dem Mann irgendwann wieder begegnen könnte. Eines Tages wird Pip zum "Spielen" zu einer zurückgezogen lebenden, exzentrischen Dame namens Miss Havisham geschickt und verliebt sich sofort in deren Pflegetochter Estella, die ihn allerdings kalt und überheblich behandelt und zu verstehen gibt, dass er nur ein armer schmutziger Bauernjunge und ihrer unwürdig ist. Nicht zuletzt durch diese Begegnung mit Estella wächst in Pip der sehnlichste Wunsch, ein vornehmer und wohlhabender Gentleman zu werden. Er hofft, dadurch ihr Herz gewinnen zu können. Pips Wünsche scheinen in greifbare Nähe zu rücken, als Pip von einem unbekannten Wohltäter erfährt, der ihn nach London holen und ihm eine vornehme Ausbildung zu Gute kommen lassen möchte. Für Pip steht ein großes Vermögen als Erbe in Aussicht. Er beginnt, sich seiner einfachen Herkunft und für seine Familie zu schämen und kehrt ihr den Rücken, um fortan in London ein vornehmes Leben zu führen. Doch er kann Estella nicht vergessen...
Große Erwartungen war mein erster Dickens und ich war, wie viele andere hier auch, angenehm überrascht von der Erzählweise. Mit wenigen Worten schafft Dickens eine dichte und gespannte Atmosphäre, die den Leser von Anfang an in den Bann zieht. Dickens beschreibt die Kindheit Pips sowie seine Empfindungen und Ängste sehr detailliert, sehr einfühlsam und verständnisvoll. Kinder wurden zu damaliger Zeit als Quälgeister angesehen und so wurden sie auch behandelt. Seine Mitmenschen (außer Joe) sehen nur Schlechtes in Pip, sind ungerecht zu ihm und halten ihn klein. Verwundert war ich über die stoische Art, mit der Pip alles über sich ergehen lässt, nicht einmal aufbegehrt oder Widerstand zeigt, obwohl er innerlich kocht. Wirklich sympathisch ist Pip zu keinem Zeitpunkt, ich denke das war auch nicht Dickens' Absicht. Pip ist ein absoluter Durchschnittsjunge mit sowohl guten als auch schlechten Charaktereigenschaften, zuweilen etwas langweilig und passiv. Interessanter ist da die Ausgestaltung der Nebencharaktere, die sehr lebendig und vielseitig daherkommen - zum Beispiel die eigenwillige Miss Havisham, die damals von ihrem Bräutigam sitzengelassen wurde und fortan zurückgezogen in ihrem Haus ohne Tageslicht lebt - sie trägt stets ihr altes Brautkleid, das mit der Zeit vergilbt ist, und gibt sich ihrer Melancholie und Verbitterung hin. Diese zunächst seltsam anmutende Person entwickelt sich aber zu einem für Pip sehr prägenden Charakter, es entsteht eine Art Freundschaft zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Menschen.
Menschliche Fehler und Schwächen, Dünkelhaftigkeit und Bigotterie stellt Dickens mit sehr viel Ironie und Humor dar. Manche Charaktere sind so verblendet und wähnen sich überlegen, dass sie nicht merken, was für kleinkarierte Speichellecker sie sind. Ihre Meinung von anderen Mitmenschen dreht sich wie ein Fähnlein im Winde - so wird Pip von seinen Mitmenschen aus dem Dorf plötzlich mit Freundlichkeit überschüttet, als diese von seinem Vermögen erfahren, und schließlich verachtet und fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, als Pip arm und verschuldet zurückkehrt. Selbst sind diese Menschen natürlich die Ausgeburt der Tugend.
Pip verändert sich natürlich durch die Zeit in London. Er vernachlässigt seine Schwester und Joe, fährt sie so gut wie nie besuchen und schämt sich nach wie vor für ihre Einfachheit. Pip ist peinlich berührt, als Joe ihn in London besucht, und findet, er passe nicht hierher. Entsprechend kühl wird ihr Verhältnis zueinander. Doch als das Geheimnis um Pips Wohltäter gelüftet wird, stellt das seine Welt wieder einmal auf den Kopf. Er muss sich eingestehen, dass "bewegliches Vermögen" vergänglich ist und letztendlich nur das etwas wert ist, was man sich selbst mit seinen eigenen Händen erschaffen hat. Echte Freundschaft ist durch nichts einzutauschen, denn die Menschen, die uns ehrlich verbunden sind, werden uns auch in schlechten Zeiten nicht hängen lassen. Pip hat großes Glück, so gute Freunde in seinem Leben zu haben. Ohne sie wäre er nichts.
Zeigt das erste Drittel des Romans große Stärken, vor allem in der Darstellung der Charaktere, so zieht sich der Mittelteil etwas ereignisloser dahin. Im letzten Drittel reiht sich eine Geheimnislüftung an die andere, was für meinen Geschmack mit zu viel Zufall und leider auch Kitsch gespickt wurde. Ich muss in diesem Punkt Alfa_Romea recht geben, man hat das alles schon einmal so oder so ähnlich gelesen, und nicht nur bei Dickens anderen Romanen! Diese Idee mit verworrener Verwandtschaft, die plötzlich ans Tageslicht tritt, ist nicht sonderlich glaubhaft und hat mich hier leider auch ein wenig ums Lesevergnügen gebracht. Vor der Auflösung hatte ich schon einen Verdachtsmoment, was passieren könnte, und genau das ist auch eingetreten. So machte der Plot zum Ende hin dann einen recht abgewetzten Eindruck, da man dieses Schema F nur allzu gut aus anderen Romanen kennt. Das dick aufgetragene Happy End hat den Leseeindruck dann nocheinmal ins eher Negative gezogen.
Unterm Strich: Man kann es lesen, aber ein Meisterwerk ist es nicht.
