Diese Leselücke habe ich nun auch geschlossen. Zum Inhalt steht hier schon vieles, das soll soweit auch reichen. Vielleicht wäre der Eindruck dieses Romans über seinen gesamten, ohnehin schmalen Umfang hin besser gewesen, hätte ich es vor 20 Jahren gelesen. Aber gerade in der ersten Hälfte, erst mit leichter Trendumkehr in dem Indianerreservat, wirklich spürbar erst nach der Rückkehr, war mir das ganze entschieden zu sehr mit dem Holzhammer versehen, vor allem, was diese Konditionierung durch die Schlafschulen anging. Ich habe mir immer sagen müssen, daß noch etwas anderes kommen muß, was den Status dieses Romans rechtfertigt, als pointiertere Erzählung hätte ich es mir bis dahin besser vorstellen können.
In der Konfrontation des komplett durchgestylten und geregelten Lebens, in dem „Glück“ auf Kosten wenn nicht der Menschlichkeit, so mindestens aber der Individualität erzielt wird, mit dem Verlangen des „Wilden“ neben dem Recht auf echte Gefühle auch ein Recht auf die unangenehmen Seiten des Daseins zu haben, deren Erfahrung ja auch erst die Wahrnehmung des Gegenteils möglich macht, war dann aber doch das Lesen wert. Glück, Zufriedenheit, Erfüllung usw. lassen sich eben nur als solche erleben, wenn man auch die andere Seite kennt. Sonst ist es einfach ein seelenloser Zustand.
Während der Lektüre habe ich mich gefragt, ob es Zufall oder der Herkunft des Autors geschuldet ist, daß der „Wilde“ ausgerechnet an Shakespeare geschult wird, bin aber zu dem Ergebnis gekommen, daß die Wahl etwas unvermeidliches hatte. Ich könnte mir nur schwer die Werke eines anderen Autors in dieser Gesamtheit in dieser Funktion vorstellen.
Bemerkenswert und erschreckend ist auch, wie nahe wir an manchen Vorstellungen Huxleys schon sind, und damit meine ich gar nicht so offensichtliche Dinge wie die Reproduktionsmedizin. Eine Gesellschaft, in der alle jugendlich frisch bleiben und dann mit 60 tot umfallen? Haben wir nicht ganz, aber der Wahn um Schönheitsoperationen und „ewige Jugend“ ist ausgeprägt genug. Alt sein ist nicht in. Soma-Urlaube? Haben wir auch nicht, aber wenn ich lese, wie weit verbreitet die Einnahme von Psychopharmaka auch schon unter Schülern und Studenten ist, um eine permanente Einsatzbereitschaft und Höchstleistung sicherzustellen, dann geht das für mein Empfinden schon in die gleiche Richtung, auch wenn der ursächliche Zweck ein anderer ist.
Eine richtige Top-Bewertung verhindert der arg lang und platt geratene Einleitungsteil, aber empfehlen würde ich die Lektüre durchaus.

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Schönen Gruß,
Aldawen