Pat Conroy – Die Herren der Insel (verfilmt als "Herr der Gezeiten")
(Rezension für den SLW 2008, Kategorie „Vergleich Buch und Film“)


Inhalt:Tom Wingo, Vater von drei Töchtern, Englischlehrer und Footballtrainer, lebt in South Carolina und befindet sich in einer tiefen Lebenskrise. Schon seit über einem Jahr ist er arbeitslos und seine Ehe mit der erfolgreichen Ärztin Sallie scheint am Ende zu sein.
Als seine Zwillingsschwester Savannah, eine bekannte Lyrikerin, zum wiederholten Mal einen Selbstmordversuch verübt, reist er nach New York, um ihrer Psychotherapeutin Susan Lowenstein zu helfen, Savannah wieder auf das Leben vorzubereiten. Seine Aufgabe ist es, Susan Lowenstein von seiner und Savannahs Kindheit, ihren Eltern und ihrem großen Bruder Luke zu berichten, dabei kann er auch vor den vielen totgeschwiegenen Familiengeheimnissen nicht Halt machen. Während er erzählt, muss er auch seinen eigenen Lebenslügen aufdecken und sein anfänglich sehr misstrauisches Verhältnis zu Susan Lowenstein beginnt sich zu wandeln.
Der Roman spielt etwa in den 80er Jahren in USA, mit Rückblenden in die 40er, 50er und späteren Jahre. Zeitbezüge (zweiter Weltkrieg, Koreakrieg, Vietnamkrieg) sind am Rande vorhanden, stehen aber nicht im Vordergrund.
Der erste Satz (Prolog):„Meine Heimat ist meine Wunde, aber sie ist auch mein Ankerplatz, mein sicherer Hafen.“
Meine Meinung zum Buch:Ich habe dieses Buch vor etwa zwei Jahren schon einmal angefangen zu lesen, dann aber abgebrochen. Deshalb hatte ich bei diesem Leseversuch große Bedenken – unnötigerweise, wie sich herausgestellt hat. Gekauft hatte ich es mir damals, weil der Film mit Nick Nolte und Barbra Streisand zu meinen Allzeit-Top-Lieblingsfilmen gehört.
Ich empfand die Darstellung der Personen in diesem Buch als sehr beeindruckend. Alle Personen werden sehr einfach in die Handlung eingeführt, und mit jeder Zeile und jeder Seite enthüllt der Autor Facette für Facette ihren Charakter und ihre Abgründe. Das Buch liest sich wie ein Puzzle und wirklich erst am Schluss erfährt man das gesamte Schicksal von Tom Wingo, seiner Zwillingsschwester Savannah, seinem großen Bruder Luke, der immer sein Vorbild war und von seinen Eltern Lila und Henry.
Meine Lieblingsfigur im Buch ist Savannah, die als einzige ernsthaft versucht, sich von ihrer Familie zu lösen und nach New York zieht, die Dramen der Vergangenheit aber auch nicht abschütteln kann und dabei fast zugrunde geht.
Sehr erschüttert haben mich die Familiendramen, die sich in dem kleinen Haus auf der Insel in South Carolina abspielen, auf der die drei Geschwister aufwachsen. Überhaupt spielt das Leben in South Carolina bzw. im Süden der USA eine große Rolle in der Geschichte. Vieles dreht sich um die Erziehung und die Erwartungen, die in diesem Teil des Landes an die Kinder und die Erwachsenen gestellt wurden, angefangen damit, immer ein „perfekter Gentleman“ zu sein und alles, was nicht in dieses Bild passt, zu verschweigen und zu verdrängen und insbesondere nicht zu zeigen, wie zerrüttet die Wingo-Familie tatsächlich war und was Toms Mutter Lila in ihrem grenzenlosen Ehrgeiz, gesellschaftlich aufzusteigen, und seinem gewalttätigen Vater Henry mit den Kindern anrichtete.
Das Buch wird in der Ich-Form aus der Sicht von Tom Wingo erzählt. Die Sprache ist wunderschön, üppig und bildhaft, dabei aber nie überladen oder driftet in den Kitsch ab. Ich konnte das Buch überraschend schnell und flüssig lesen und habe es sehr genossen.
Nur einen Punkt habe ich zu bemängeln, die Rückblenden in die Kindheit gerieten mir manchmal etwas zu ausführlich und waren dann auch nicht mehr so interessant. Dies kam mir hauptsächlich in der Buchmitte so vor, gegen Ende hin wurde es dann wieder besser.
Meine Meinung zum Film:Natürlich kann der Film nicht in zwei Stunden das gesamte Buch aufnehmen, so hat man den Schwerpunkt auf die Rahmenhandlung gelegt. Während im Buch die Familie Wingo im Mittelpunkt steht, liegt im Film die Aufmerksamkeit auf Tom und Susan Lowenstein bzw. auf der sich zwischen ihnen entwickelnden Liebesbeziehung.
Die Besetzung (Nick Nolte als Tom Wingo und Barbra Streisand als Susan Lowenstein) finde ich sehr gelungen. Nick Nolte gibt den „Südstaatler“ sehr gut mit seiner gedehnten Sprechweise, ich vermute jedenfalls, dass er im Film eine Art Südstaaten-Dialekt spricht, so genau unterscheiden kann ich das nicht - aber die Vorstellung gefällt mir.
Barbra Streisand als intellektuelle New Yorkerin passt auch sehr gut.
Lediglich Lila Wingo hätte ich mir anders vorgestellt: während sie im Buch als sinnlich-üppig beschrieben wird, wirkt sie im Film eher modelhaft schön und ist als gealterte Frau wenig glaubwürdig.
Natürlich war ich beim Lesen des Buches voreingenommen. Ich habe gehofft, den Film vorzufinden und gefürchtet, enttäuscht zu werden. Jetzt bin ich aber froh, das Buch doch noch gelesen zu haben, denn ich habe viele Details erfahren, die mir den Film jetzt noch wertvoller machen.
Viele Grüße von Annabas
