Zum
Inhalt ist ja schon einiges gesagt, daher nur ein paar kleine Ergänzungen. Quoyle findet Anstellung beim
Gammy Bird, der Lokalzeitung von Killick-Claw, wo er neben dem Aufmacher mit einem Verkehrsunfall (zur Not mit Photos aus dem Archiv) die
Schiffsmeldungen betreuen soll. Hier entwickelt er das erste Mal Eigeninitiative und verfaßt einen Artikel, den der Herausgeber Jack Buggit gar nicht verlangt hatte. Allerdings schlägt dieser so gut ein, daß Quoyle von Jack dafür eine wöchentliche Kolumne erhält – eine Entwicklung, die dem Chefredakteur Tert Card nicht besonders gefällt. Aber Quoyle und seine Familie finden auch schnell Freunde im Ort, seien es Wavey mit ihrem Sohn, Jacks Sohn Dennis mit seiner Familie oder Quoyles Redaktionskollegen. Aber Quoyle muß auch erfahren, daß es in der Geschichte seiner Familie mehr als einen dunklen Fleck gibt.
Meine Meinung: Ein rundum gelungenes Buch, das sich durch eine bemerkenswerte Einheit von Setting, Charakteren und Sprache auszeichnet. Die rauhe und die Menschen fordernde Landschaft ist wunderbar beschrieben, ich hatte ständig das Gefühl, daß mir der Wind um die Ohren pfeift und die Gischt um mich herum spritzt. Die Menschen passen in diese Landschaft, sie sind pragmatisch auf das Wesentliche konzentriert, dabei keineswegs verbittert ob der schweren Lebensumstände, sondern immer zu einem (derben) Scherz aufgelegt. Daraus wie aus Quoyles Kolumne und seiner Formulierung von möglichen Schlagzeilen bezieht die Erzählung ihren besonderen Humor.
Quoyle, der zunächst als ziemlich unselbständiger und leicht vertrottelter Weichling präsentiert wird, macht sicher die größte Entwicklung durch. Er ist aber natürlich auch derjenige, bei dem es am nötigsten ist. Proulx beschreibt dies alles in einer extrem lakonischen Art und Weise, was sich auch an den vielen Satzbruchstücken zeigt, die gar nicht zu kompletten Sätzen ausformuliert werden. Trotzdem (oder deswegen?) gelingt es ihr damit auch, die Zwischentöne in den Beziehungen deutlich zu machen, die sich langsam wandelnden Ebenen des Umgangs miteinander.
Sehr gut hat mir an der mir vorliegenden Ausgabe auch die Gestaltung gefallen. Nicht nur, daß jedes Kapitel mit einem Zitat aus
Das Ashley-Buch der Knoten, Erklärungen aus Seemannslexika, Zeilen aus Shantys oder ähnlichem eingeleitet werden (was integraler Bestandteil des Romans ist und in der Regel sowohl auf die Kapitelüberschrift wie den Inhalt Bezug nimmt), die Knoten werden auch abgebildet, so daß man sich eine Vorstellung davon machen kann, wie sie geknüpft werden.
Vergleich mit dem Film: Natürlich ist im Film eine Straffung gegenüber dem Buch erforderlich. Das macht sich besonders deutlich an der Personalausstattung bemerkbar, denn im Film gibt es nur eine statt zweier Töchter, in der sich dafür Eigenschaften beider Buchtöchter konzentrieren. Auch die übrigen Familien sind für den Film verkleinert worden. Die wesentlichen tragenden Elemente der Handlung aus dem Buch finden sich allerdings wieder, auch wenn diese zum Teil in einer Episode zusammengelegt werden. Erstaunlicherweise sind die Verweise auf die Quoylesche Familiengeschichte komplett erhalten geblieben. Abweichungen in der Handlungen, die nicht Kürzung sondern Erweiterung gegenüber dem Buch sind, finden sich vor allem in der Beziehung zwischen Quoyle und Wavey, die eine erhebliche Dramatisierung erfahren hat. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, wieviel von den Charakterzügen und Stimmungen des Buches der Film hat einfangen können. Dafür gebührt sowohl dem Regisseur Lasse Hallström, als auch den Darstellern Kevin Spacey (Quoyle), Julianne Moore (Wavey) und der großartigen Judi Dench (Quoyles Tante Agnis) eindeutig ein Lob.
Schönen Gruß,
Aldawen