Ich gegen Dich
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Offizielle Literaturschock-Rezensionen
Karyn ist gerade fünfzehn Jahre alt, als sie von dem drei Jahre älteren Tom, Sohn reicher Eltern, vergewaltigt wird. Nicht nur das Mädchen versinkt in ihrer Verzweiflung, auch ihre alkoholabhängige Mutter, die kleine Schwester Holly und der ältere Bruder Mickey wissen nicht, mit der Situation umzugehen. Als Mickey Tom zusammenschlagen will, lernt er dessen Schwester Ellie kennen und fasst den Plan, sie aus Rache zu verführen. Niemand hätte vermutet, dass daraus eine sehr zarte Liebe wächst - am allerwenigsten Mickey.
Jenny Downham hat sich eines sehr sensiblen Themas angenommen. Die seelischen Konflikte der Personen werden sehr überzeugend dargestellt. Als wäre eine Vergewaltigung nicht schlimm genug, muss sich Karyn mit der Außenwelt auseinandersetzen: Polizei, Jugendamt, Freundinnen, Mitschüler, Freunde von Tom, Lehrer und Familie. Doch nicht nur Karyn muss das schreckliche Erlebnis verarbeiten. Die Autorin schildert sehr einfühlsam, wie beide Familien versuchen, mit so einem Erlebnis fertig zu werden. Auf der einen Seite die Familie von Karyn und Mickey mit einer Alkoholikerin als Mutter, die kaum für sich selbst sorgen kann. Ein Mädchen, das ein traumatisches Ereignis verarbeiten muss und sich nur noch in den eigenen vier Wänden einigermaßen sicher fühlt. Auf der anderen Seite die Familie von Tom und Ellie: Reich genug, sich die besten Anwälte für den Sohn leisten zu können.
Die Autorin hat mich besonders damit beeindruckt, dass sie Tom nicht als ausschließlich boshaften Triebtäter beschreibt. Eigentlich ist Tom ein ganz normaler Junge, der seine Schwester liebt und beschützt und der nun völlig panisch die Konsequenzen seiner eigenen Handlung fürchtet. Trotzdem ist es nicht so, dass die Autorin Mitleid mit dem Täter schürt oder Entschuldigungen für ihn findet - immer ist sich der Leser bewusst, welche Tat Tom begangen hat. Ellie ist die geliebte kleine Schwester, die mehr gesehen hat, als sie selbst sich eingestehen will - denn schließlich war es Tom, der sie ihr Leben lang beschützt hat. Kann er wirklich so etwas grausames tun?
"Ich gegen Dich" ist gleichermaßen ein Buch über Schuldzuweisungen, Verzweiflung, Selbstbetrug und doch auch eines über Mut, Wahrheit, Zivilcourage und Liebe. Die Autorin verzichtet dabei auf jeglichen Kitsch und Beschreibungen von Geschlechtsverkehr oder Vergewaltigung. Auf permanente Spannungsspitzen wartet man vergeblich und so ist es eher ein ruhiges Buch. Ein Buch der leisen Töne. Und das macht es zu etwas ganz Besonderem.


