Das lange Lied eines Lebens
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Offizielle Literaturschock-Rezensionen
Die hochbetagte Miss July lebt Ende des 19 Jahrhunderts bei ihrem Sohn, einem Drucker und seiner Familie auf Jamaika. Als Sklavin geboren hat Miss July ein sehr bewegtes Leben hinter sich und entschließt sich schließlich mit Hilfe ihres Sohnes ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Begonnen bei ihrer Geburt, über ihre Tätigkeit als Haussklavin bis hin zu den Zeiten, als die Sklaverei auf Jamaika offiziell als abgeschafft galt, aber inoffiziell noch viel schlimmer vorhanden war.
Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Miss Julys Sohn Thomas, der eine Hinführung auf die Lebensgeschichte seiner Mutter gibt. Im weiteren Verlauf erzählt nur noch Miss July. Dabei wechselt sie in die Ich-Form, wenn sie aus der Gegenwart berichtet und wechselt in die 3. Person, wenn sie ihre Lebensgeschichte erzählt.
Die Erzählung selber wird in einer fast kindlichen Sprache vorgetragen und ich hatte eher das Gefühl, dass diese Sprache mit Absicht gewählt wurde, damit die Erzählerin alles mit Abstand wiedergeben kann. Durch diese teilweise einfache, auch oft mit Slang-Ausdrücken versehene Erzählweise, denkt man als Leser zuerst, man liest eine ganz lockere Lektüre. Aber gerade dieser leichte Tonfall hat auf mich dann oft viel stärker gewirkt und die Brutalität und Grausamkeit der Sklaverei wurde dadurch für mich oft viel intensiver fühlbar und hat mich oft sehr erschüttert.
Als Leser verfolgt man in diesem lockeren Tonfall, wie die Weißen den Schwarzen einfach die Kinder wegnehmen, sie irgendwo anders hin verkaufen und in den Schwarzen einfach oft noch weniger sehen, als in ihrem Vieh, dass sie füttern. Miss July hat noch quasi ein "gutes" Leben, da sie als Haussklavin einer weißen Missus dienen muss, aber dafür nicht die harte Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen verrichten muss.
Die Arbeit dort wird jedoch auch ohne Schnörkel geschildert und alleine bei der Vorstellung, was die armen Menschen da tagein, tagaus verrichten mussten, war mein Entsetzen oft gar nicht zu beschreiben.
Miss July schildert sich selber oft sehr distanziert und beschreibt keine Gefühle. Aber gerade diese Beschreibung trägt dazu bei, dass für mich als Leser ihre Gefühle intensiv fühlbar waren und ich doch auch oft hart schlucken musste.
Sehr mitgenommen haben mich dann die Passagen, in denen Miss July sich eine gute Wendung ausdenkt und schließlich klar wird, dass das Gute gerade nur Wunschdenken von ihr war und ihr wahres Leben nicht so verlaufen ist.
Die Befreiung der Sklaven durch die englische Regierung, die einfach erklären, dass es ab sofort keine Sklaverei mehr gibt, wird auch thematisiert und am Beispiel von Miss July gezeigt, dass man zwar vieles verkünden kann, aber das Handeln und Denken der Menschen sich nicht von heute auf morgen ändert. Auch wird hier wieder sehr gut gezeigt, dass es zwar Weiße gab, die nach der Abschaffung der Sklaverei verlangt haben, aber selber am liebsten nichts mit den Schwarzen zu tun haben wollten oder sie auch weiterhin für Menschen 2. Klasse gehalten haben.
Alles in allem ein Buch, dass mich sehr bewegt hat und mir noch viel Stoff zum Nachdenken gelassen hat. Die Autorin hat in ihrer wunderbar leichten Sprache ein sehr hartes und grausames Thema gekonnt aufbereitet und es trotz aller Grausamkeiten geschafft, mir als Leser auch etwas der Hoffnung zu vermitteln, die die Personen trägt.
Ein ganz großes Buch und ich kann gut nachvollziehen, dass das Buch für den Booker-Preis nominiert wurde. Für mich ein absoluter Buchtipp und bekommt dafür volle 5 Ratten.


