Gargoyle
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Offizielle Literaturschock-Rezensionen
Ein Mann, erfolgreicher Geschäftsmann und Pornodarsteller, Drogen nicht abgeneigt, fährt von Alkohol und Drogen zugedröhnt eine Landstraße entlang. Erschreckende Halluzinationen bringen ihn vom Weg ab, er stürzt in die Schlucht und entkommt nur knapp dem Tod. Mit fast tödlichen Verbrennungen kommt er ins Krankenhaus und fasst dort - entstellt und von Schmerzen gepeinigt - den Entschluß, nach seiner Entlassung ordentlich Selbstmord zu begehen. Doch da taucht plötzlich eine schöne junge Frau auf. Die Bildhauerin Marianne Engel behauptet, ihn in einem früheren Leben geliebt zu haben und so erzählt sie während seiner Genesung Geschichten über die Liebe, die manchmal Tod und Hölle zu überwinden vermag.
"Gargoyle" ist ein schrecklich schönes Buch. Schrecklich, weil der Autor auch gleichzeitig den Hauptcharakter simuliert und der Leser alle seine Schmerzen während des Unfalls und der nachfolgenden Behandlung fast hautnah miterlebt. Der immer namenlos bleibende Hauptcharakter spart nicht mit anschaulichen Vergleichen, erzählt diese aber mit einer großen Portion schwarzem Humor und auf einem sprachlich sehr angenehmem Niveau. Schön, weil es sich hier eigentlich um einen Liebesroman handelt. Marianne Engel erzählt von der tragischen Liebe zwischen Menschen und der nicht weniger tragischen Liebe zwischen ihm und ihr und sie ist eine wirklich großartige Erzählerin. Immer wieder wechselt die Perspektive von unserem Protagonisten zu ihr - und mit diesem Wechsel werden wir auch in eine frühere Zeit an einen anderen Ort katapultiert.
Im Laufe der Zeit regeneriert sich nicht der Körper unseres Antihelden, sondern auch seine Seele. Doch was genau ist das Geheimnis der schönen Bildhauerin, die sich immer mehr in ihre Extase beim Bildhauen steigert und Gargoyles aus dem Stein "befreit"? Ist sie wirklich nur schizophren oder besessen? Was für eine Zukunft kann die Liebe zwischen den beiden überhaupt haben?
"Gargoyle" ist ein sehr grausames Buch, aber auch sehr skurril. Verrückt. Witzig. Bitterböse. Sarkastisch. Romantisch. Man kann es in keine existierende Schublade stecken - das Buch verdient seine eigene Schublade, die es mit keinem anderen Buch, das ich kenne, teilen sollte. Es hat mich gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen, zog mich immer mit Haut und Haaren in seinen Bann. Zartbesaitete Leser sollten es mit Vorsicht genießen, denn Andrew Davidson spart nicht mit schaurigen und ekelerregenden Beschreibungen. Diese ziehen sich zwar nicht durch das ganze Buch - meiner Meinung nach gibt es im Verlauf exakt drei solcher Szenen - aber das macht ihre Schrecklichkeit natürlich nicht besser.
Ich bin sicher, es steckt sehr viel Symbolik in diesem Buch. Angefangen mit den Namen bis hin zur literarischen Aufbereitung von Dantes Hölle. Damit wird es zu einem Werk, das man nicht nur einmal lesen sollte. "Gargoyle" ist mein bisheriges Jahreshighlight und wird auf dem Thron nur schwer von einem Buch verdrängt werden können.
Besucherrezensionen
Durchschnittliche Bewertung von: 1 Benutzern
Das Besondere an Gargoyle ist, es wirkt nach. Es bleiben nicht nur eindringliche Bilder und aufwühlende Momente in Erinnerung, vielmehr hat dieses Buch die Kraft den Leser zu erschüttern und zu zwingen, sich den großen Themen des Lebens – Liebe und Tod – erneut zu stellen.
Dieses Buch ist definitiv nichts für Überempfindliche, dass macht Davidson schon auf den ersten Seiten klar. Jeder der schon mal einen schweren Unfall hatte, wird sich in diesen dunklen Stunden wiederfinden. Die brutal‐präzise Schilderung des Unfallgeschehens in der Eröffnungsszene und der verheerenden Folgen kann sich sicher niemand entziehen.
Der namenlose Protagonist ist mit einem ideal schönen Körper, vergleichbar dem einer antiken Statue ausgestattet, innerlich ebenso steinern und kalt. Aus diesem und naheliegenden Gründen will ich ihn im folgenden David nennen. Pflegeeltern, deren Emotionen sich auf die Gier nach Drogen beschränkten und die Einsamkeit des nicht geliebten Kindes ließen schon früh seine Seele erstarren. So macht der erwachsene David auf der Suche nach Nähe reichlich Gebrauch von den Vorzügen seines Marmorpimmels. Er ist ein Star im Pornobusiness –bis er kopfüber im Auto hängend verbrannt wird. Äußerlich nun schwer entstellt, keine Familie oder Freunde und ein Leben als von Schmerz geplagtes Monster vor sich, bleibt ihm nur die Hoffnung sich möglichst bald töten zu können. Doch so schnell erholt sich kein Schwerstverbrannter. Davidsons detaillierte Beschreibung des Klinikaufenthalts mit allen Facetten der zermürbenden Behandlungen gibt die Bühne für Marianne Engel. Eine mystische Gestalt, die vorgibt, nach 700 Jahren zu ihm zurückgekehrt zu sein. Ihren Besuchen kann sich der zertrümmerte David nicht entziehen, wie auch ihrer unbedingten und für ihn unerklärlichen Zuwendung nicht.
Liebe? Die hat er nie kennengelernt und so erzählt ihm Marianne Geschichten über diese. Vier davon hat Davidson eingebunden, jede für sich wunderschön und in meinem Exemplar mit Lesezeichen markiert! Keine Prosa dagegen ist für Marianne Engel die Zeit im mittelalterlichen Deutschland. Hier verband sie mit David in Gestalt eines desertierten und schwerverletzen Söldners eine tiefe Liebe. Sie selbst war Nonne im Kloster Engelthal, pflegte ihn gesund und ermöglichte ihm die Flucht.
Sehr lebendig und kenntnisreich geschildert ist dieser historische Handlungsteil mit dem "Realen" auf magische Art kunstvoll verknüpft. Einzig manchmal etwas schwerfällige formulierte Passagen (Übersetzung?) störten hier: "Aber du bestandest darauf. Du sagtest, du spürtest die Behandlung sei notwendig, du spürtest es daran, wie beim Heben der Arm schmerze." {S.277, Hardcover}.
Es ist schon erstaunlich was Davidson in seinem ersten Werk untergebracht hat, ein exzellent recherchierter historischer Roman, eine tiefgründige Liebesgeschichte die nie kitschig wirkt. Dazu noch die vier Kurzgeschichten. Alles miteinander meisterhaft verwoben mit wie Déjà‐vus wiederkehrenden Objekten und Charakteren. Dieses Buch macht nicht nur Kino im Kopf, es schickt den Leser auf eine Reise ins eigene ich und lässt nicht mehr los! Das kann süchtig machen – ich werd gleich nochmal die Geschichte von Sigurd dem schwulen Wikinger lesen!


