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Else UrySonderbericht zum 127. Geburtstag von Else Ury
| Interview mit Marianne Brentzel |
Autorin des Buches „Nesthäkchen kommt ins KZ – Eine Annäherung an Else Ury“
Literaturschock (Katja): Zuerst einmal möchte ich mich für die Chance bedanken, ein kurzes Interview mit Ihnen zu führen. Ich möchte Sie zum Anfang des Interviews erst einmal bitten, uns etwas über Sie zu verraten.
Marianne Brentzel: Ich bin Ende 1943 geboren, wuchs in Bielefeld auf, studierte in Berlin Politische Wissenschaften und nahm aktiv an der Studentenbewegung teil. Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Politisch war ich eine Zeitlang bei den Maoisten aktiv, später arbeitete ich als Lehrkraft für Spätaussiedler und junge Ausländer.
Mein erstes Buch: ‹Rudi und der Friedenspudding›, ein Kinderbuch, erschien 1986. Ich schrieb es in meiner Freizeit, ohne auch nur entfernt daran zu denken, jemals das Schreiben zum Beruf zu machen.
Literaturschock (Katja): Was hat Sie bewogen, ein Buch über die doch recht unbekannte Autorin Else Ury zu schreiben? Waren oder sind sie vielleicht selber ein Nesthäkchen-Fan?
Marianne Brentzel: 1988 hörte ich zufällig im Radio in der Sendung: „Zeitzeichen“ über den Todestag der Jugendbuchschriftstellerin Else Ury. Da ich als Kind immer mit Begeisterung die Nesthäkchenbücher gelesen hatte, war ich sofort fasziniert und erschüttert, denn ich hatte nicht gewußt, daß Else Ury Jüdin war. Ich begann sofort zu recherchieren und nahm Kontakt zu Klaus Heymann auf. Ich wollte genauer wissen, was für ein Leben sich hinter der Maske der heilen „Nesthäkchenwelt“ versteckte.
Literaturschock (Katja): Ich stelle mir die Recherchen zu so einer Art Biographie sehr schwierig vor, zumal über die Autorin nichts bekannt ist. Wo bekommt man Informationen her? Wie recherchiert man zu so einem Thema?
Marianne Brentzel: Die Recherche war in der Tat sehr schwierig, weil es nur ein Gerüst von Fakten, einige wenige Brief, Bilder und die Unterlagen zur Deportation gab. Aber es gab die 39 Bücher, die Else Ury geschrieben hatte. Sie waren mir neben den Aussagen des Neffen Klaus Heymann eine wesentliche Quelle, denn in ihnen zeigten sich ihre Erfahrungen, Wünsche und Lebenshoffnungen.
Literaturschock (Katja): Sie nutzen für die Biographie über Else Ury Auszüge aus den Nesthäkchen-Büchern und zeigen auf, dass es Parallelen zwischen der kleinen Annemarie Braun und Else Ury geben könnte. Dann kommt die Zeit des ersten Weltkrieges und die ersten kritischen Töne von Ihnen über das Verhalten von Else Ury, was die „Verherrlichung“ des Krieges in ihren Büchern betrifft. Was genau hat Sie daran gestört?
Marianne Brentzel: Der Erste Weltkrieg war - anders als Else Ury zusammen mit vielen Deutschen damals glaubte – ein brutaler Eroberungskrieg, der Millionen Menschen auf allen Seiten der Fronten in den Tod trieb. Die Kriegsverherrlichung und Else Urys Behauptung, Recht und Gerechtigkeit seien auf der Seite deutschen Soldaten, wollte ich deshalb nicht unwidersprochen stehen lassen. Aber ich wollte auch zeigen, dass Else Ury mit der Mehrheit der Deutschen in Einklang dachte.
Literaturschock (Katja): Was sagt der Nachfahre Ernest K. Heymann zu der Annäherung? Hat er dieses Buch jemals gelesen? Haben Sie nachdem Erscheinen des Buches nochmals mit ihm gesprochen?
Marianne Brentzel: Mit Klaus Heymann, der in London Ernest K. Heyman heißt, bin ich seit der Arbeit an dem Buch freundschaftlich verbunden. Er ist sogar zur Buchpremiere nach Dortmund gekommen, hat das Buch gelesen und war sehr einverstanden mit meiner ‹Annäherung›. Wir schreiben und telefonieren immer noch häufig miteinander.
Literaturschock (Katja): Solche Mädchenbücher, wie Else Ury sie schrieb, waren damals verpönt. Können Sie sich den Erfolg, den diese Bücher heute haben, erklären?
Marianne Brentzel: Der Erfolg der Nesthäkchenbücher hat sicher viele Gründe. Einer ist, dass Else Ury ihr Handwerk verstand, sie entwickelt – meist in Dialogen - lebendige Figuren, keine gestanzten Typen. Die Personen laden zur Identifikation ein. Die Bücher führen die Kinder in eine ganz eigene Lesewelt, in der sie sich wohl fühlen können. Dieser wache Sinn Else Urys für das kleine menschliche Glück scheint immer noch zu faszinieren.
Literaturschock (Katja): Für mich war es eine Überraschung zu lesen, das Else Ury eine Jüdin war. Was haben Sie gedacht, als Sie das zu ersten Mal gelesen haben? Parallelen dazu finden sich in ihren Büchern ja nicht.
Marianne Brentzel: Meine erste Reaktion auf die Information, dass Else Ury Jüdin war und in Auschwitz ermordet wurde, habe ich ja schon in der Einleitung zum Buch geschildert. Es ist wahr, sie schreibt in ihrem Hauptwerk nicht von jüdischen Sitten und Gebräuchen. Vielleicht wollte sie den christlichen und jüdischen Kindern gleichermaßen die Identifikation mit ihren kleinen Helden ermöglichen und damit auch die Toleranz zwischen den Religionen fördern. Aber es besteht heute kein Zweifel mehr, dass sie sehr genau über das religiöse jüdische Leben Bescheid wusste. Das zeigt ein Märchen, das vor einigen Jahren wieder aufgetaucht ist. „Im Trödelkeller“ erzählt Else Ury ausführlich von jüdischen Gebräuchen. Ich fände es wunderbar, wenn man das Märchen nachdrucken könnte.
Literaturschock (Katja): Was gibt es für neue Erkenntnisse im „Fall“ Else Ury und was können wir im Nachdruck des Buches erwarten?
Marianne Brentzel: Damit bin ich auch schon bei den „neuen Erkenntnissen“ zu Else Ury. Das Märchen habe ich nicht gekannt, als mein Buch 1992 veröffentlicht wurde. Inzwischen gibt es das Abschlusszeugnis der Luisenschule, die Gewissheit, dass Else Ury jüdischen Religionsunterricht hatte, sie als Kind dicht am Alexanderplatz wohnte.
Wir wissen genaueres über die Entstehung der Nesthäkchen-Bände und ständig entwickeln sich neue Dinge, z.B. wurde jüngst am ehemaligen Haus Nesthäkchen in Karpacz/Krummhübel eine Plakette zum Leben Else Ury angebracht und der Schriftzug von Haus Nesthäkchen prangt dort nun in polnischer Sprache am Haus als „Dom Nesthäkchen“.
Es gibt zwei Ausstellungen zu Else Urys Leben und Werk, in Berlin heißt eine Straße am Savignyplatz: ‹Else Ury Bogen› und eine Kinder- Jugendbibliothek in Berlin-Kreuzberg trägt ihren Namen.
Es tut sich also immer noch etwas zu Else Ury und das ist auch gut so.
Literaturschock (Katja): Vielen Dank für das Interview!
Erstellt von Sternchen28 (Katja), Oktober 2004